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«Nume nid gsprängt» 12. Oktober 2020

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder ist 69 Jahre alt. Als Angehörige der Risikogruppe erzählt sie jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von bernischer Langsamkeit, hochschnellenden Fallzahlen und einem tröstenden Landesvater. 

«Ihr seid ja auch sonst langsam», spöttelt meine Redaktionsfreundin, als ich mich über die tiefen Corona-Zahlen in meinem Kanton freue. Das Vorurteil, dass wir Bernerinnen und Berner bedächtig und gemächlich sind, hält sich hartnäckig. Vor allem in Zürich. Dabei helfen unsere Grundsätze «Nume nid gsprängt» und «Ja nid dri schiesse» in vielen Lebenslagen. Dank ihnen löst sich manches Problem sogar von selber. Nur nicht Corona. Zwar scheint sich das Virus lange Zeit in den Weltstädten Zürich und Genf wohler zu fühlen als in meinem behaglichen Bern. Doch plötzlich ist es da.

Quasi über Nacht schnellen die Infektionszahlen in die Höhe. Die täglich publizierte Liste der Gemeinden mit neuen Fällen wird immer länger. Jedes Mal bin ich froh, wenn unser Dorf und die Nachbargemeinden darauf nicht zu finden sind. Übers Wochenende wird die Maskenpflicht eingeführt. Sie gilt nicht nur in Einkaufsläden, sondern auch auf Bahnhofperrons und in Unterführungen, Restaurants und Kirchen. Hunderte junger Leute sind nach Besuchen in Berner Clubs in Quarantäne. Das Contact Tracing hat seine Grenzen erreicht. 

Eigentlich bin ich robust und so schnell bringt mich nichts aus der Fassung. Und doch spüre ich seit ein paar Tagen – seit die Fallzahlen so schnell steigen und Fachleute nur noch besorgte Interviews geben – vermehrt Angst und Mutlosigkeit. Vor allem wenn der Himmel grau ist, wenn es Abend wird, oder in der Nacht, wenn ich nicht schlafen kann. Dann frage ich mich, wie wir als Einzelne, als Gesellschaft, als Weltgemeinschaft die nächsten Monate überstehen werden. Ich denke an die Menschen, die weniger zäh sind als ich: Wie gehen sie mit ihrer Angst vor der ungewissen Zukunft um?

Im Interview frage ich alt Bundesrat Adolf Ogi, was er – wäre er noch Landesvater – zu seinen Landsleuten sagen würde. Er hebt die Arme, als wollte er die ganze Schweiz umfassen. Hoffnung würde er geben und optimistisch sein, jeden Tag! Er würde den Menschen sagen: «Wir wissen um eure Sorgen. Wir sind mit euch. Gemeinsam können wir die Schwierigkeiten auf diesem Weg angehen. Zusammen werden wir die Probleme lösen!» Auch wenn meine Seele nicht jeden Tag eine alt-bundesrätliche Streicheleinheit braucht: Ich wünsche mir in den landesweiten Task Forces und Bundesämtern einen Adolf Ogi, der in dunklen Stunden Hoffnung und Optimismus ausstrahlt.

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Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin