© Michel Jaussi

Linn und seine Linde: Miteinander verwurzelt

Das Aargauer Dorf Linn ist für seine 800-jährige Linde bekannt. Eigentlich kenne der Baum aber kein Alter, sagt ihr Pfleger.

Text: Fabian Rottmeier

Schätzungsweise 400 Millionen Menschen lebten vor 800 Jahren auf der Erde. Bis zur Erfindung des Kompasses und der Lesebrille sollte es noch ein paar Jahrzehnte dauern. Doch die Linde von Linn auf den Jurahügeln des Bözbergs, sie stand bereits. Heute führen zwei Strassen an ihr vorbei, einige Meter weiter gibt es Autoparkplätze und eine Bushaltestelle mit Postauto-Verbindung nach Brugg. Bei guter Sicht sieht man nicht nur ins Aaretal, sondern bis zum Säntis. Die Linner Linde gehört zu den fünf ältesten Bäumen der Schweiz. «Aber eigentlich kennt ein solcher Baum gar kein Alter», sagt Martin Erb.

Der 64-Jährige pflegt die Linde seit 41 Jahren und erklärt: Menschliche Zellen teilen sich im Alter langsamer. Bei einem Baum passiere dies potenziell immer gleich schnell. «Während gewisse Teile des Baumes also absterben, werden andere dauernd neu geboren», so der Gärtner und Baumsachverständige der Tilia Baumpflege AG. Diese Regenerationsfähigkeit sowie ein starkes Abwehrsystem würden die Linde auszeichnen. Mit ein Grund, weshalb sie so oft alt werden – und derart beeindrucken. Für Martin Erb sieht die Linde bei Raureif am spektakulärsten aus.

Der Stamm der Linner Linde hat einen rund 12 Meter langen Umfang. © Michel Jaussi

Das Linner Exemplar ist eine 25 Meter hohe Sommerlinde. Ihre sieben Hauptäste sind grösstenteils hohl – ein normaler Wachstumsprozess. Mit einem Umfang von 12 Metern ist der Stamm mittlerweile zu dick zum Umfallen geworden, sagt Martin Erb. Astbrüche seien jedoch wie bei fast jedem Baum möglich. Dass die Linde auf einer oft windigen Kuppe steht, ist kein Zufall. Erst durch diese exponierte Lage auf 580 Metern – Erb nennt sie auch «Kampfzone» – konnte der Baum seine starken Abwehrkräfte entwickeln. Der Fricker erklärt, dass er so gegen Parasiten oder Pilze besser gewappnet sei als ein junger Baum.

Die Linner Linde ist stark verwurzelt. Mit dem Boden, mit den Menschen von Linn, aber auch mit sich selbst: Im Inneren des Baumstammes sind Wurzeln gewachsen. Als «dorf ze Lin», Dorf zur Linde, wurde Linn 1306 erstmals urkundlich erwähnt. Seit knapp acht Jahren gehört Linn als eine von vier Ortschaften zur neu gebildeten Gemeinde Bözberg (dessen Wappen eine Linde ziert). Eine Fusion, die in Linn bis heute für viele ein Ärgernis ist.

Der letzte Aargauer Märlibaum

Heinrich Kohler kennt die Linner Linde schon so lange wie kein anderer. Der 94-Jährige war Landwirt und Linner Gemeindeammann und erntete jahrzehntelang die Lindenblüten für seinen geliebten Tee. Heute sucht er dafür ein jüngeres Exemplar unweit seines Hofs auf. Dessen Blüten seien etwas schöner. Heinrich Kohler erinnert sich, wie in den 1930er-Jahren ein Stacheldraht am Stamm dafür sorgte, dass er und seine Freunde nicht an ihm hochklettern konnten. «Rückblickend betrachtet, hat man die Linde aber früher wohl etwas zu wenig geschätzt», sagt er. Das habe sich zum Glück geändert. Sie sei sehr populär geworden.

Baumpfleger Martin Erb findet die Linde bei Raureif am Spektakulärsten. © Michel Jaussi

Ein prominenter Auftritt in der beliebten SRF-Krimiserie «Der Bestatter» und einige Medienberichte haben dafür gesorgt, dass die Linde zur Touristenattraktion geworden ist. Auch mit unangenehmen Folgen für die rund 140 Bewohnenden des «Sackgasseortes». An Wochenenden fahren viele Autos durchs Dorf, weil die wenigen Parkplätze bei der Linde oft belegt sind. «Der Ruheort ist zum Rummelplatz geworden», hält auch Geri Hirt fest. Der ehemalige Journalist lebt seit 30 Jahren in Linn und gehört zu den Gründungsmitgliedern von Pro Linn – einem Verein, der als Reaktion auf die Fusion gebildet wurde und heute über 400 Mitglieder zählt. Sie setzen sich dafür ein, dass Linns Identität und dessen Name erhalten bleiben. Ebenso die gepflegten alten Bauernhäuser, deren Anordnung das Bundesamt für Kultur als «Ortsbild von nationaler Bedeutung» eingestuft hat. Und natürlich ist «der letzte Aargauer Märlibaum, den man Kindern zeigen kann», so Geri Hirt, auch für Pro Linn ein wichtiger Teil der Dorfkultur. «Es wäre schlimm, wenn dieses Naturdenkmal absterben würde.»

Das Linner Wahrzeichen hat schon mehrmals gebrannt, zuletzt vor 41 Jahren. Man nimmt an, dass das Feuer durch Arbeiten am Baum ausgelöst wurde. Damals als junger Mann mit dabei: Martin Erb. Heute wisse man viel mehr über die Pflege alter Bäume, sagt er. «Man greift weniger ein als früher und versucht lediglich, den Baum unterstützend zu pflegen.» Faule Stellen etwa behandle man heute nicht mehr. Die wichtigste Aufgabe sei es, tote Äste zu entfernen, um eine Verbreitung von Pilzen zu verhindern. Seile unterstützen seit Jahrzehnten die Stabilität der Baumkrone. Im Winter erhält der Baum von den Pflegern eine Schicht Holzkompost, die sein Abwehrsystem stärken. Nicht jede Hilfe käme dem Baum zugute: Ihn im Sommer bei einer längeren Trockenphase dauernd zu bewässern, würde ihn auf Dauer anfälliger machen. Schliesslich hat die 800 Jahre alte Linner Linde gelernt, mit Trockenheit umzugehen, als es Wasserschläuche und Baumpfleger noch lange nicht gegeben hat. ❋ 

© Michel Jaussi

Wandertipps zur Linner Linde

Weitere Infos: jurapark-aargau.ch
Infos und Webcam zur Linner Linde: linnerlinde.ch
Buchtipp: Zora del Buono: «Leben der Mächtigen – Reisen zu alten Bäumen», Verlag Matthes & Seitz Berlin, CHF 39.–