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«Wichtig ist ein soziales Netz, das trägt»

Für Nora Meuli, Autorin der Studie «Alt werden ohne Familienangehörige», stehen Gesundheits- und Sozialpolitik vor besonderen Herausforderungen: Wo die familiale Hilfe fehlt, müssen professionelle Unterstützungsangebote bezahlbar sein.

Im Auftrag des Migros-Kulturprozents haben Sie Zahlen und Daten zur Situation älterer Menschen ohne Familienangehörige zusammengetragen. Was hat Sie dabei am meisten erstaunt?

Dass die Gruppe älterer Menschen ohne Partnerin oder Partner und gleichzeitig ohne Kinder gross ist – und immer grösser wird. Zurzeit gibt es rund 100 000 Frauen und Männer im Pensionsalter, die keine Familienangehörigen haben. Das ist per se kein Problem, aber ihre grosse Zahl hat mich überrascht. Da nach wie vor der grösste Teil der unbezahlten Care-Arbeit innerhalb der Familie geleistet wird, stellt sich die Frage, wie sich ältere Menschen ohne Familienangehörige organisieren. Mit der vorliegenden Studie wollen wir einerseits diese Menschen ins Bewusstsein von Politik und Öffentlichkeit rufen. Andererseits wollen wir auf die sozial- und gesellschaftspolitischen Fragen aufmerksam machen, die sich dadurch ergeben.

Welche Fragen ergeben sich?

Mit seiner Strategie «ambulant vor stationär» setzen Gesundheits- und Sozialpolitik voraus, dass betreuungsbedürftige Menschen die nötige Unterstützung von ihrem Umfeld bekommen. Ohne diese unbezahlte Care-Arbeit wäre ihre ambulante Versorgung – nach einem Spitalaufenthalt zum Beispiel, bei einer Krankheit oder aufgrund zunehmender Hilfsbedürftigkeit – nicht möglich. Damit bauen Sozialstaat und Gesundheitssystem auf Voraussetzungen, die sie nicht selber schaffen können und die bei älteren Menschen ohne Familienangehörige – oder bei Menschen, deren Angehörige diese Unterstützung nicht leisten können oder wollen – nicht gegeben sind. Da stellt sich die Frage: Auf welches Betreuungssystem können diese Männer und Frauen zurückgreifen? Und vor allem: Wer finanziert diese Betreuung, wenn sie nicht unentgeltlich geleistet wird?

Welche Betreuungssysteme nehmen ältere Menschen ohne Familien-angehörige in Anspruch?

Die Forschung weiss noch sehr wenig über diese Bevölkerungsgruppe; eine grossangelegte Befragung, die verlässliche Daten liefern würde, fehlt bis jetzt: Wie gestalten Betroffene ihr Umfeld? Welche Strategien verfolgen sie und welche sind in ihrer Lebenssituation hilfreich? Wie knüpfen sie ihr soziales Netz? Bevorzugen sie besondere Wohnformen? Ziehen sie eventuell früher in ein Pflegeheim als Gleichaltrige mit Familienangehörigen? Das wäre wiederum finanz-politisch ein relevantes Thema. Zudem sind in der Regel alleinstehende Frauen ohne Kinder gegenüber Männern in der gleichen Lebenssituation finanziell deutlich benachteiligt. 

Inwiefern?

Ihre Renten sind meist deutlich tiefer als jene der Männer, da Frauen oft weniger verdienen und im Erwerbsalter in der Regel mehr Care-Arbeit geleistet haben. Nach wie vor wird diese Arbeit hauptsächlich von Partnerinnen und Töchtern geleistet. Viele reduzieren ihr Arbeitspensum zugunsten der Betreuung von Familienangehörigen und verzichten damit nicht nur auf Erwerbseinkommen, sondern auch auf Sozialversicherungsbeiträge. Ihre Betreuungsarbeit bekommt zu wenig Anerkennung und erst recht keine finanzielle Abgeltung. Und in unserem Rentensystem wird diese Arbeit nur unzureichend angerechnet. Die Folge davon ist, dass viel mehr Frauen als Männer von Altersarmut betroffen sind. 

Welches sind die dringendsten politischen Forderungen in Bezug auf ältere Menschen ohne Familienangehörige?

Es gilt, bei alterspolitischen Diskussionen diese Bevölkerungsgruppe mitzudenken. Bessere, flexiblere und vor allem bezahlbare Entlastungsangebote für fragile ältere Menschen gehören darum auf die politische Agenda. Es gibt Betreuungs- und Entlastungsangebote – aber diese kosten viel und sind für viele unerschwinglich. Da müssen neue Finanzierungsmodelle gefunden werden. Wichtig ist ein Netz, das alte, fragile Menschen trägt – mit oder ohne Familienangehörige.

Portrait von Nora Meuli, Ökonomin und Soziologin

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Nora Meuli (28)

ist Ökonomin und Soziologin und -arbeitet als wissenschaftliche Mit-arbeiterin an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Muttenz. Die Kurzfassung der Studie «Alt werden ohne Angehörige», die Nora Meuli verfasst hat, lässt sich unter im-alter.ch herunterladen.

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«Alt werden – aber nicht allein»

Rund 100 000 Männer und Frauen im Pensionsalter leben ohne Partner und haben keine Kinder. Notwendige Hilfe leisten Freundinnen, Nachbarn und Freiwillige. Bezahlbare professionelle Unterstützungsangebote sind gefragt. Lesen Sie hier den Schwerpunkt-Artikel.