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Interview mit Elisabeth Joris: «Wenn Frauen Power zeigen, fallen sie immer noch auf»

28 Jahre nach dem ersten nationalen Frauenstreik organisieren Frauen in der ganzen Schweiz die Neuauflage: Am 14. Juni 2019 sollen erneut Abertausende Frauen ihre Arbeit niederlegen und auf die Strasse gehen.

© Claudia Herzog

 

Die Forderungen sind eigentlich dieselebn wie damals beim ersten Streik 1991. Die Ungleichbehandlung der Frau in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft sicht- und laut hörbar zu machen.

Die Historikerin Elisabeth Joris (73) hat die Frauengeschichte der Schweiz aufgearbeitet, ist Feministin und war beim ersten Frauenstreik aktiv dabei.

 

Interview: Claudia Herzog

 

Frau Joris, was ist Ihre prägendste Erinnerung an den ersten Frauenstreiktag 1991?

Es sind drei Erinnerungen, die ich nicht gewichten kann und will. Ich fuhr am Morgen in die Schule im Zürcher Seefeld und hoffte, dass alles stillstehen würde. Ganz nach dem Motto: «Wenn Frau will, steht alles still». Doch da stand gar nichts still. Ich spürte auf den Strassen nichts vom Frauenstreiktag. Als ich aber das Schulhaus betrat, war es mit lila Luftballonen geschmückt. Songs von Vera Ka klangen durch das Treppenhaus. Das war der erste grosse Aufsteller für mich. Am Mittag war ich Aktivistin auf dem Paradeplatz. Wegen der Aktion «Nehmen Sie Platz Madame», beziehungsweise «Nehmen Sie Platz Monsieur» kam der ganze Tramverkehr zum Stilstand. Wir Frauen sassen auf den Tramschienen, auf Liegestühlen oder auf dem Boden. Wir wurden damals von wütenden Passanten aufs Gröbste angepöbelt; liessen uns dadurch aber unsere tolle Stimmung nicht verderben. Am Abend fand der Sternmarsch auf den Helvetiaplatz statt. Dieses wunderbare Heer von Frauen. Durch die Lautsprecher erklangen Gratulationen von Frauen aus der ganzen Welt. Gänsehaut.

 

Ein zweiter Frauenstreiktag – bringt es das überhaupt?

Auf jeden Fall. Der erste Frauenstreik knüpfte bewusst an den Landesstreik von 1918 an. Der Slogan «Wenn Frau will, steht alles still» ist eine Abwandlung des Aufrufs von 1918: «Wenn ein starker Arm es will, stehen alle Räder still». Ein typischer Slogan für und von Männern (lacht). Wir Aktivistinnen wollten 1991 mit unserem Slogan verdeutlichen, dass der Frauenstreik mehr ist als eine politische Aktion. Ein landesweiter Streik steht in einer politischen Tradition. Am 14. Juni findet nun die Fortsetzung statt. Ein wichtiges Signal.

 

Welches sind heute Ihre wichtigsten Forderungen?

Mir als Grossmutter, die zweimal in der Woche Enkelkinder betreut und sich in der Freiwilligenarbeit stark macht, liegen Themen wie Pflege und Betreuung sehr am Herzen. In diesen Bereichen sind vor allem Frauen jeden Alters enorm engagiert. Doch diese Arbeit liegt im Dunkeln und wird häufig schlecht oder gar nicht bezahlt. Unsere Gesellschaft wird immer älter. Viele Frauen arbeiten ihr Leben lang Teilzeit und leisten daneben unbezahlte Betreuungs- und Pflegearbeit. Diese Frauen haben im Pensionsalter nur die AHV und die Mindestrente. Das betrifft mich auch persönlich. Es ist wichtig, dass diese diversen Betreuungsaufgaben auch einmal in konkreten Zahlen und Franken aufgerechnet werden.

 

Was wurde 1991 nach dem Frauenstreiktag nach Ihrer Meinung alles erreicht?

Wir haben heute zwei Frauen mehr im Bundesrat. Diese zwei Frauen sind ohne den Frauenstreiktag als Hintergrund nicht denkbar. Dann das Gleichstellungsgesetz. Das dieses Gesetz 1996 gültig wurde, ist nur dem Frauenstreik zu verdanken. Dasselbe gilt für das Verdikt «Vergewaltigung in der Ehe». Das wäre nicht denkbar ohne den Frauenstreik.

 

Wie sieht es mit dem Frauenpower heute aus. Lassen sich junge Frauen mit dem Thema Gleichstellung überhaupt noch mobilisieren?
Es gibt Frauenmärsche überall auf der Welt, es gibt die MeToo-Debatte. Eine Welle unterschiedlichster junger Frauen engagiert sich. Die Dezentralität ist wichtig bei diesem Frauenstreik. Unterschiedliche Anliegen, unterschiedliche Themen sollen gleichberechtigt Platz haben. Gleichstellung wird heute anders definiert. Natürlich geht es immer noch um Lohngleichheit, aber nicht mehr auf der gleichen akuten Ebene wie 1991. Es geht mehr um die Definition von Werten in der Gesellschaft, es geht um Nachhaltigkeit.

 

Nehmen wir trotzdem das Beispiel Lohngleichheit. Ist es nicht frustrierend, dass viele Forderungen von heute dieselben sind, wie damals beim ersten Frauenstreiktag 1991?

Ja, das ist frustrierend. Ein Beispiel: Verkäuferinnen verdienen die Hälfte von dem, was ihre Kunden und Kundinnen verdienen (Median). Männer verdienen im Detailhandel durch alle Hierarchien mehr als Frauen: jeden Monat 200 bis 300 Franken. Das ist viel.

 

Warum sind wir in der Lohngleichheit noch nicht weiter?

Jobs, die keine Aussenwirkung haben, werden in unsere Gesellschaft kategorisch unterschätzt und schlecht bezahlt. Viele Tätigkeiten, die überproportional von Frauen geleistet werden, kann man sich nicht ans Revers heften. Ich kann mich brüsten, wenn ich ein Buch schreibe. Aber ich kann mich nicht brüsten, wenn ich weinende Kinder betreue. Wir müssen über die Wertigkeiten von Arbeit nachdenken und diese neu definieren. Pflege- und Betreuungsarbeit muss sichtbarer werden und als wichtig und vor allem wertvoll im wörtlichen Sinn anerkannt werden.

 

Heute rufen nicht mehr nur Frauen nach Gleichberechtigung, sondern auch Männer – zum Beispiel, wenn es um das Sorgerecht der Kinder geht. Haben Sie Verständnis für die Anliegen der Männer?

Ja, ich habe Verständnis für solche Anliegen. Ich lebe in meiner Partnerschaft diese Gleichberechtigung. Ich hatte es einfach, ich musste nie dafür kämpfen. Mein Mann und ich teilen uns auch die Betreuung der Enkelkinder. Es ist für mich deshalb wichtig, dass diese Anliegen zum Thema gemacht werden. Beim Frauenstreiktag möchte ich aber nicht, dass die Männer im Vordergrund stehen. Und das bereits erwähnte Pflege- und Betreuungsthema sollte nicht auf die Kinderfrage reduziert werden.

 

 Wo fühlen Sie sich nach wie vor im persönlichen Alltag diskriminiert?

Wir Frauen fallen immer noch auf. Wenn ich einen Anspruch erhebe, muss ich stärker und lauter sein als ein Mann. Im muss mich vehementer für meine Sache wehren. Frauen fallen auf, einfach nur weil sie Power zeigen. Doch weil das hierzulande immer noch keine Selbstverständlichkeit ist, hören wir auf keinen Fall damit auf. Und den Spass dabei lassen wir uns auch nicht nehmen.

 

 

 

Elisabeth Joris

ist seit rund 40 Jahren freischaffende Historikerin und war Geschichtslehrerin an einer Mittelschule im Zürcher Seefeld. Sie publizierte zahlreiche Beiträge zur Frauen- und Geschlechtergeschichte der Schweiz. 1986 hat sie mit Heidi Witzig eine pionierhafte Quellensammlung zur Frauengeschichte der Schweiz herausgegeben. 2010 promovierte sie an der Universität Zürich. Joris war unter anderem auch Mitherausgeberin der feministischen Zeitschrift Olympe.