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Wenn die Freude am Leben verloren geht

Depressionen stellen die häufigste psychische Erkrankung bei Frauen und Männern im Alter ab 65 Jahren dar. Paradoxerweise wird sie oft nicht erkannt oder nicht richtig behandelt, und die Betroffenen leiden unnötigerweise.

Portrait eines traurigen älteren Mannes

Haben Sie einen schwarzen Hund wie etwa fünf Prozent der Seniorinnen und Senioren in der Schweiz? Damit ist allerdings kein vierbeiniger, schwanzwedelnder Freund wie ein Labrador oder Pudel gemeint. «Black Dog», schwarzer Hund, nannte der englische Staatsmann Winston Churchill seine Depressionen – die treuen, düsteren Begleiterinnen seines Alltagslebens.

 

älterer Herr mit Depressionen

 

 

Von Martina Novak


«Depressive Erkrankungen sind im letzten Lebensdrittel nicht häufiger als in jüngeren Jahren, aber sie stellen in dieser Alterskategorie die häufigste psychische Erkrankung dar», sagt Marion Reichert Hutzli, die sich als leitende Ärztin der Ambulanten Alterspsychiatrie und Memory Clinic in Sursee LU intensiv mit älteren Depressionspatienten beschäftigt. Die Gründe, die zum Auftauchen des «schwarzen Hundes» führen können, sind vielfältig und haben oft mit Verlusten oder Veränderungen zu tun: Verlust von Familienangehörigen, der Arbeit oder einer anderen Sinn gebenden Aufgabe, Verlust der Selbstständigkeit und der Mobilität.


Männer verlieren den Boden unter den Füssen sehr oft dann, wenn der Job fehlt, der jahrzehntelang das Denken und Handeln bestimmte. Ob jemand mit 65 Jahren in Pension geht oder vorzeitig pensioniert beziehungsweise entlassen wird, kann gleichermassen einschneidend sein. Paul B.* etwa war seit über 20 Jahren in der gleichen Firma angestellt, als ihn eine Restrukturierungsmassnahme traf: Alle Mitarbeitenden über 60 Jahre erhielten die Kündigung. Der Konstrukteur, der in der Firma bis zuletzt wichtige Projekte betreut hatte, fühlte sich ausrangiert, verlor an Selbstvertrauen und hing dunklen Gedanken nach. Nach aussen hin merkte man dem Introvertierten, damals 62-Jährigen, nichts an. Dass er kaum noch schlief und sich mit heftigen Rückenschmerzen plagte, bekam einzig seine Ehefrau mit.


«Eine Depression beginnt in den seltensten Fällen von einem Tag auf den andern, und es ist nur ganz selten ein einziger Faktor dafür verantwortlich», erklärt Alterspsychiaterin Marion Reichert Hutzli. «In der Regel kommen viele Faktoren zusammen. Die genetische Voraussetzung ist einer davon.» Bei positiven Lebensbedingungen muss diese Veranlagung nicht zum Tragen kommen. Wenn sich jedoch das persönliche Umfeld verändert, tragische Ereignisse, körperliche Schmerzen oder andere Erkrankungen wie Morbus Parkinson eintreten, kann sich daraus eine Depression entwickeln.

 

 

Unterschiedliche Symptome

 

Die Anzeichen reichen von Konzentrationsstörungen über fehlenden Antrieb, Ängstlichkeit, Schlafstörungen und diffuse Schmerzen bis zu Selbstmordgedanken – je nach Schweregrad der Erkrankung. Weil viele Symptome körperlicher Art sind, glauben viele Betroffene, an etwas ganz anderem zu leiden, und fallen aus allen Wolken, wenn sie die Diagnose ihrer Probleme erfahren.

Als Ellen S.* vom Hausarzt darauf angesprochen wurde, dass sie möglicherweise eine Depression durchmache, war die 78-Jährige entrüstet. «Ich bin doch nicht krank im Kopf! Ich habe lediglich diese Bauchschmerzen, gegen die Sie endlich etwas ausrichten sollten!» Nach dem Tod ihres Mannes, der in den letzten Jahren weder reisen noch sonst etwas unternehmen mochte, wollte sie eigentlich wieder aktiver werden. Empfand sie früher das tägliche Kochen für ihren Gatten als Einschränkung in ihren Aktivitäten, so fehlte ihr jetzt diese Struktur, und sie konnte sich trotz sehr viel freier Zeit nicht einmal zu einem Stadtbummel aufraffen.

Wie Medikamente helfen können

Bei mittelgradigen und schweren Depressionen ist fast immer eine medikamentöse Therapie mit Antidepressiva angezeigt. Diese Psycho-pharmaka wirken hauptsächlich gegen Depressionen, aber auch bei Zwangsstörungen, Angst-störungen und Panikattacken, Essstörungen, chronischen Schmerzen, Entzugssyndromen, Schlafstörungen. Während der Akutbehandlung von 6 bis 12 Wochen wird eine weitgehende Symptomfreiheit angestrebt, mit der Erhaltungstherapie über 4 bis 9 Monate sollen Rückfälle verhindert werden, und mit der längerfristigen Prophylaxe will man neuen Episoden vorbeugen.

> Die verschiedenen Gruppen und Präparate von Anti- depressiva unterscheiden sich hinsichtlich ihres Wirkungs-profils. Je nach Verträglichkeit (Gewichtung von Wirkung und Nebenwirkung), Handhab-barkeit, früherem Ansprechen und allfälligen weiteren Krankheiten, die medikamentös behandelt werden, wählt der Arzt das passende Mittel für jeden Patienten.

 In ihrem schönen Haus vereinsamte sie sozial: Freundinnen und Freunde starben oder wurden pflegebedürftig. Die einzige Tochter kam zwar regelmässig zu Besuch, doch sie war meistens gestresst und konnte der Mutter nicht wirklich das Gefühl des Gebrauchtwerdens vermitteln. Die einst energiegeladene alte Dame zog sich immer mehr zurück. Nicht einmal die geliebte Gartenarbeit bot ihr Trost. Wo sie tagelang hatte schneiden und hacken können, tat ihr plötzlich alles weh. Jemanden für den Garten anstellen mochte sie trotz ausreichender Finanzen aber auch nicht. Sie klagte über dieses und jenes, die Tochter nervte sich und erklärte sich ihr Verhalten als Altersschrulligkeit.

Wie Ellen S. können viele Betroffene die Diagnose Depression nicht gut annehmen. Psychische Erkrankungen tragen noch immer ein Stigma, obwohl sie längst keine Ausnahmeerscheinung mehr sind. Depressiv werden bedeute verrückt sein, dieses Vorurteil ist zu Unrecht in vielen Köpfen der älteren Generationen verankert. Ältere Menschen sprechen weniger offen über Stimmungsveränderungen als jüngere, beobachtet Marion Reichert Hutzli.

 

 

Individuelle Therapien


Die behandelnde Ärztin oder der Arzt brauchen daher viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung, um die entsprechenden Signale festzustellen und andere hirnorganische Abbauprozesse ausschliessen zu können. Bei Demenzerkrankungen zeigen sich nämlich oft zuerst ebenfalls depressive Anzeichen. Auch wenn es mitunter schwierig sei, eine länger bestehende und nicht erkannte Depression zu behandeln, sei es dazu aber nie zu spät, ist die Geriatrie-Expertin überzeugt.

Ist die Depression erkannt, muss der oder dem Betroffenen die Notwendigkeit einer Behandlung klargemacht werden. Je nach Schweregrad, das heisst bei fast allen mittleren und schweren Depressionen, sind Medikamente unumgänglich (siehe Kasten). Sie helfen, Negativspiralen im Denken und Fühlen zu überwinden, und mildern auch die damit verbundenen körperlichen Beschwerden. Eine passende Pharmakotherapie zu finden, ist allerdings nicht einfach. Senioren nehmen häufig schon mehrere andere Medikamente ein, es gilt, störende Wechselwirkungen zu beachten.

Auch wirken Antidepressiva erst nach zwei, drei Wochen. Man muss Geduld haben und möglicherweise mehrere Präparate ausprobieren, bis sich eine positive Wirkung zeigt. Und schliesslich sollte man bereit sein, die Antidepressiva über eine längere Zeit einzunehmen, damit die Rückfallgefahr in eine erneute Depression gemindert wird. In ganz seltenen Fällen ist eine vorübergehende Einweisung in eine psychiatrische Klinik sinnvoll: wenn die oder der Betroffene weder zur Essensaufnahme noch zur Körperpflege imstande ist oder gar in grosser Suizidgefahr schwebt.

Die medikamentöse Therapie ist sehr wichtig und bietet laufend neue und zum Teil besser verträgliche Mittel. Sie sollte allerdings immer nur einen Teil der Behandlung darstellen. Für Senioren äusserst hilfreich ist die begleitende Psychotherapie, die man sich nicht als langjährige Analyse vorstellen muss, sondern eher als eine Art Lebensberatung mit den Themen: Wie lebt die Person? Ist sie einsam und braucht mehr Kontakt zur Aussenwelt, wie kann sie dies bewerkstelligen? Welche Wünsche und Bedürfnisse bestehen, und wie können sie umgesetzt werden? Wie kommt die Person mit Verlusten und Veränderungen zurecht? Wie lässt sich der Alltag sinnvoll gestalten? Wo braucht es konkrete Unterstützung – kann man die Spitex oder einen Besuchsdienst organisieren, oder muss die finanzielle Situation verbessert werden?

Im Gegensatz zu Psychotherapien, die in der Vergangenheit nach Antworten suchen, steht bei Altersdepressionen die praktische Bewältigung des Hier und Jetzt im Vordergrund der auch zeitlich möglichst überschaubaren Beratung. Wenn jemand etwa aus dem Berufsleben in einen weniger strukturierten Alltag wechselt, dann geht es erst einmal darum, eine sinnvolle Beschäftigung zu finden. Nicht jeder Mensch kann sofort ein Hobby aus dem Ärmel zaubern, wenn sie oder er jahrzehntelang nur gearbeitet hat und keine Zeit für anderes hatte.

 

> www.depressionen.ch (Website von Equilibrium, dem Verein zur Bewältigung von Depressionen)

>www.depression.ch (informative Website des Arzneimittelherstellers Lundbeck AG)

> Opens external link in new windowwww.sgad.ch (Schweizerische Gesellschaft für Angst und Depression).

 

Wenn Pillen keine Option sind


Während Paul B. auf Drängen seiner Frau mit seinem Arzt schnell einig wurde, dass ihn schlafanstossende Antidepressions-Medikamente vom Grübeln abbringen und seine Schlafprobleme lindern könnten, stiess der zuständige Mediziner bei Ellen S. damit auf Granit. Sie schlucke keine Pillen, stellte sie in der Praxis klar. Hingegen konnte sie sich nach anfänglichem Zögern für den Vorschlag begeistern, an einem Nachmittag in der Woche in der örtlichen Bibliothek auszuhelfen. Sie tat so nicht nur etwas Nützliches, sie fand auch wieder Freude am Lesen. Schliesslich verschwanden die unerklärlichen Schmerzen in der Bauchgegend und in den Gelenken, und die Seniorin wagte sich wieder an die Gartenarbeit, wo Sauerstoff und Sonnenlicht zusätzlich ihre Lebensfreude ankurbelten.

Wer einmal eine Depression durchgemacht hat, ist nicht davor gefeit, dass der schwarze Hund wieder auftaucht. Etwa ein Drittel der Betroffenen erleidet selbst nach einer Behandlung weitere Episoden, wie die Krankheitsschübe von den Fachleuten genannt werden. Das ganze soziale Umfeld ist daher gefordert, diese Menschen mit Hilfe zur Selbsthilfe zu unterstützen. Wer schon mit Depressionspatienten zu tun hatte, weiss, wie immens schwer es ist, die richtige Mischung aus Anteilnahme und Rücksicht zu finden. In vielen Fällen bleibt der schwarze Hund bis zum Schluss ein treuer Begleiter. Die Zahl der sogenannten erfolgreichen Suizide ist bei den über 84-jährigen Männern sechsmal höher als im Rest der Bevölkerung.

*Namen von der Redaktion geändert

 

 

Experten-Interview:

Opens internal link in current windowInterview mit Marion Reichert Hutzli, leitende Ärztin Alterspsychiatrie und Memory Clinic in Sursee LU