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Wege zur Hilfe, Teil 4

«Älterwerden ist kein Zuckerlecken», hat der Dichter Gerhard Meier geschrieben. Viele ältere Menschen machen die Erfahrung, dass das stimmt. In einer fünfteiligen Serie beschreibt Altersexperte Martin Mezger belastende Lebenssituationen – und hoffnungsvolle Auswege.

Allee im Sommer

Allee im Sommer

 

Ruth Wallimann (84) lebt mit Ehemann Fritz (87) in einer schönen Mietwohnung einer mittelgrossen Stadt. Das Ehepaar hat gute Jahre hinter sich. Nach ausgefüllten Berufs- und Familienjahren haben Ruth und Fritz das Dasein als Pensionierte genossen. Als Paar haben sie sich in diesen Jahren neu schätzen gelernt, auch wenn sie nie viel darüber geredet haben. Es war ihnen klar: Sie gehören zusammen, haben die Stürme des Lebens recht gut überstanden. Doch das sind Tempi passati. Ruth denkt gern an die Jahre zurück – und spürt gleichwohl einen Stich im Herzen, wenn sie es tut: Alles vorbei, denkt sie, es war schön, aber es ist vorbei.

 

Es war vielleicht vor zweieinhalb Jahren, so sicher ist sich Ruth nicht mehr, als sie merkte, dass sich bei Fritz etwas veränderte. Zuerst waren es nur kleine Momente, in denen sie irritiert war. Fritz wurde vergesslich, wie es vielen älteren Menschen geht. Er sagte auch merkwürdige Dinge, knüpfte nahtlos an Ereignisse an, die längst vergangen waren, fand sich ausser Haus nur dort zurecht, wo ihm alles vertraut war. Ruth spürte, wie Fritz sich Mühe gab, wie er Dinge sagte, die ganz korrekt tönten, aber gleichwohl nicht ganz in die Situation passten. Und Fritz wurde unruhiger, laufen tat ihm gut, still sitzen fiel ihm immer schwerer.

 

Nach schweren Wochen und Monaten, nach Gesprächen mit dem Hausarzt, nach Testen war klar: Fritz wird dement. Man kann nicht einmal sagen, dass es für Ruth ein Schock war. Die Krankheit kam ja auf leisen Sohlen. Schritt für Schritt übernahm Ruth neue Aufgaben und Pflichten, Schritt für Schritt sorgte sie mehr für Fritz. Nie wäre es ihr in den Sinn gekommen, Hilfe anzufordern. Was Ruth zu Beginn noch nicht wusste, wurde ihr mit der Zeit schmerzlich bewusst: Weil die Krankheit fortschreitet, weil immer noch etwas dazukommt, gibt es nie eine Atempause, gibt es nie den Moment, wo man durchatmen kann. Es kommt nie der Moment, wo es überstanden ist, die Belastung hält an, dehnt sich aus, nimmt immer mehr den ganzen Tag in Beschlag, 24 Stunden, endet auch am Wochenende nicht, kennt keine Ferien …

 

Es dauerte lange, bis Ruth klar wurde, wie sehr sich das Leben verändert hatte. Und bis sie merkte: Das schaffe ich gar nicht, dazu reichen meine Kräfte nicht. Sie wurde müde, der Rücken tat weh, die Knie wollten beim Treppensteigen nicht mehr recht. Und kein Ende abzusehen. Glücklicherweise trifft sie beim Posten eine freundliche Mitarbeiterin der Kirchgemeinde, die sie von früher kennt. Die beiden Frauen reden, Ruth berichtet. Plötzlich brechen bei ihr die Dämme. Sie sagt, dass sie fast nicht mehr kann.

 

Die Frau von der Kirchgemeinde reagiert gut. Sie organisiert die Spitex, die fortan regelmässig vorbeikommt. Sie macht Ruth auf die Angehörigensprechstunde der Memory-Klinik aufmerksam, wo Ruth rasch und gut beraten wird. Ruth merkt: Ich bin nicht allein. Und merkt vor allem: Ich muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn ichs nicht schaffe, meinen kranken Ehemann allein zu begleiten und zu pflegen.

Als Ruth und Fritz dann die Möglichkeit erhalten, an einer speziellen Ferienwoche teilzunehmen, die von der Hatt-Bucher-Stiftung mitfinanziert wird, ist das Ehepaar fast schon wieder glücklich. In der Ferienwoche gibt es gemeinsame und getrennte Programme. Ruth kann mit anderen pflegenden Angehörigen reden. Fritz, den man jetzt nicht mehr allein lassen kann, bekommt die nötige Begleitung und ist guter Dinge.

 

 

 

Martin Mezger (65) ist Theologe und hat viel Erfahrung im Altersbereich. Er leitet die Hatt-Bucher-Stiftung sowie die focusALTER GmbH, die Organisationen und Einzelpersonen berät.

 

 

Wo Sie in schwierigen Situationen Hilfe finden können
Ältere Menschen, die Unterstützung und Hilfe brauchen, können sich an Pro Senectute (die entsprechenden Adressen finden Sie unter www.pro-senectute.ch) aber auch an die Kirchgemeinden, die Spitex oder an den Sozialdienst der Gemeinde wenden. Via Sozialberatung lassen sich zudem finanzielle Probleme lösen, sollten solche auftreten: beispielsweise mit Beiträgen von Pro Senectute oder der Hatt-Bucher-Stiftung.