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Wege zur Hilfe, Teil 3

«Älterwerden ist kein Zuckerlecken», hat der Dichter Gerhard Meier geschrieben. Viele ältere Menschen machen die Erfahrung, dass das stimmt. In einer fünfteiligen Serie beschreibt Altersexperte Martin Mezger belastende Lebenssituationen – und auch hoffnungsvolle Auswege.

Weg durch Weide

Weg durch Weide

 

 

«Ich kann das beim besten Willen nicht bezahlen»

 

Mirjam Frei (65) lebt ein bescheidenes Leben. Sie ist auf einem Bauernhof aufgewachsen und ein Leben lang in ihrem Dorf geblieben. Zuerst hat sie zu Hause geholfen, später war sie da und dort als Serviertochter angestellt. Lange Zeit war sie mit grosser Selbstverständlichkeit auch für ihre Eltern da, hat zuerst ihren Vater gepflegt, dann ihre Mutter. Geheiratet und eine eigene Familie gegründet hat sie nicht.

 

Die heute 65-Jährige hat sich nie geschont, auch nicht, als ihre Rückenschmerzen stärker wurden. Schliesslich kam es so weit, dass sie nur noch teilweise arbeitsfähig war. Sie bekam – nach langem Hin und Her – eine halbe Invalidenrente, was ihr eine gewisse finanzielle Sicherheit gab. Aber bescheiden leben musste sie immer. Vor einem Jahr wurde die IV-Rente von der AHV-Rente abgelöst. Dazu bekommt Mirjam Frei Ergänzungsleistungen. «Man kommt durch», sagt sie. Klagen hört man von ihr nicht.

 

Nun steht aber ein grosses Problem an: Mirjam Frei hat ein Leben lang ihre Zähne vernachlässigt. Dafür war nie Geld, nie Zeit – und wohl auch wenig Bewusstsein, was die Wichtigkeit der Vorsorge betrifft. Der Kostenvoranschlag des Zahnarztes war ein Riesenschock für sie: gut 12 000 Franken … Ein Vermögen! Der Zahnarzt hat aber nicht übertrieben. Er ist bei seiner Berechnung davon ausgegangen, dass es sich lohnt, die Zähne von Mirjam Frei nicht einfach notdürftig zu flicken oder gar durch dritte Zähne zu ersetzen – er dachte vielmehr daran, dass Mirjam Frei noch relativ jung ist und darum ihre Zähne vielleicht noch zwanzig oder dreissig Jahre braucht. Für Mirjam Frei ist aber klar: «Ich kann das beim besten Willen nicht bezahlen.»

 

Was tun? Glücklicherweise findet die 65-Jährige den Mut, mit einem Sozialarbeiter zu sprechen. Dieser bringt in Erfahrung, was von den Ergänzungsleistungen zu erwarten ist: knapp 4500 Franken. Eigentlich viel Geld, aber zu wenig für eine gute Totalsanierung ... Die Ergänzungsleistungen bezahlen eben nur, was «einfach und zweckmässig» ist.

 

Der Sozialarbeiter gelangt an die Hatt-Bucher-Stiftung. Diese prüft das Gesuch und sagt Mirjam Frei 7000 Franken zu. Sie kann es zunächst fast nicht glauben, dass sie den Betrag einfach geschenkt erhält. Den kleinen Rest, der ihr bleibt, bringt sie gern auf. Der Zahnarzt macht sich daraufhin an die Arbeit – und nach rund drei Monaten (und etlichem Auf-die-Zähne-Beissen) ist alles in Ordnung, die Beschwerden sind verschwunden, Mirjam Frei kann wieder richtig kauen. Sie erfährt, wie wichtig gute Zähne für ein gutes Lebensgefühl sind.

 

Menschen wie Mirjam Frei begegne ich in meiner beruflichen Tätigkeit immer wieder. Menschen, die sich tapfer durchs Leben schlagen, bescheiden leben und für das Nötige selbst aufkommen. Doch dann tritt irgendetwas an sie heran, das für ihre Verhältnisse einfach zu gross ist. Im geschilderten Fall war das eine Zahnbehandlung. Ähnlich kann es sein mit einem Hörgerät, einer Brille, einem Elektrorollstuhl, Treppenlift – oder mit den Kosten für den geliebten vierbeinigen Begleiter. Ohne Unterstützung von aussen fehlt plötzlich etwas ganz Wichtiges.

 

Dank der Ergänzungsleistungen lassen sich viele Probleme lösen, aber die Ergänzungsleistungen haben Grenzen. Da kommen private Stiftungen und Fonds zum Zuge. Wichtig ist, dass man sich bei einer geeigneten Stelle meldet und offen über seine Probleme spricht, wie das Mirjam Frei getan hat. Wer sich verkriecht, dem kann nicht geholfen werden.

 

 

Martin Mezger (64) ist Theologe und Altersspezialist. Er ist Mitinhaber der focusALTER GmbH und leitet die Geschäfts- und Fachstelle der Hatt-Bucher-Stiftung.

 

 

Wo Sie in schwierigen Situationen Hilfe finden können
Ältere Menschen, die Unterstützung und Hilfe brauchen, können sich an Pro Senectute (die entsprechenden Adressen finden Sie unter www.pro-senectute.ch), aber auch an die Kirchgemeinden, die Spitex oder an den Sozialdienst der Gemeinde wenden. Via Sozialberatung lassen sich zudem finanzielle Probleme lösen, sollten solche auftreten: beispielsweise mit Beiträgen von Pro Senectute oder der Hatt-Bucher-Stiftung.