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Wege zur Hilfe, Teil 2

«Älterwerden ist kein Zuckerlecken», hat der Dichter Gerhard Meier geschrieben. Viele ältere Menschen machen die Erfahrung, dass das stimmt. In einer fünfteiligen Serie beschreibt Altersexperte Martin Mezger belastende Lebenssituationen – und hoffnungsvolle Auswege.

Weg im Sommer

 

«Nie hätte ich gedacht, einmal Hilfe zu brauchen»

 

Peter Hugentobler (79) hat vorletztes Jahr seine Frau verloren. Die Zeit vor ihrem Tod war sehr schwierig, denn sie konnte nach einem schlecht verheilten Schenkelhalsbruch kaum mehr ausser Haus gehen. Und dann kam noch so manches dazu … Die gesundheitlichen Dämme brachen. Die Spitex-Pflegefachfrau war fast täglich da.

 

Vieles im kleinen Haushalt musste von Peter Hugentobler besorgt werden. Aber er hat nur das Nötigste erledigt. Lieber ging er nach draussen: Einkäufe machen, in der Stammbeiz Kollegen treffen. Neben dem Zustand seiner Frau, neben dem Chaos im Haushalt plagten ihn weitere Sorgen. Vor Jahren hatte er seinem Sohn hundertzwanzigtausend Franken geliehen, damit dieser ein Restaurant eröffnen konnte. Der Betrag stammte vom Pensionskassenkapital, das er sich seinerzeit teilweise ausbezahlen liess.

 

Die Sache mit dem Restaurant ging nicht lange gut. Der Sohn war bald pleite und das Geld weg. Seither liess sich der Junior nicht mehr blicken. Das Ehepaar Hugentobler lebte von der AHV und der kleinen Rente. Das restliche Vermögen war in den letzten Jahren stark geschrumpft. Immer wieder wurde eine Rechnung auf die lange Bank geschoben.

 

Nach dem Tod seiner Frau lässt sich Peter Hugentobler gehen. Er isst nicht mehr richtig, sitzt tageweise herum, pflegt sich nicht mehr, auch in der Stammbeiz lässt er sich nicht mehr blicken. Die Rechnungen bleiben noch häufiger liegen als früher. Das wenige Geld, über das er verfügt, gibt er trotzdem aus. Der Alkohol spielt eine immer grössere Rolle. Bald häufen sich die Mahnungen.

 

Die Nachbarn merken, dass mit Peter Hugentobler etwas nicht mehr stimmt. Sie benachrichtigen die Sozialarbeiterin der Gemeinde. Diese besucht ihn. Glücklicherweise erwischt sie ihn in einem günstigen Moment. Er lässt sie herein und ist froh, dass er reden kann. Die erfahrene Sozialarbeiterin sieht, dass Peter Hugentobler auf zwei Ebenen Hilfe braucht: Er muss persönlich wieder Boden unter die Füsse bekommen – und er muss aus der Schuldenfalle herausfinden. Ganz rasch müssen die Krankenversicherungsprämien bezahlt werden.

 

Was der Sozialarbeiterin speziell Sorgen macht, ist die Tatsache, dass Peter Hugentobler noch länger keine Ergänzungsleistungen bekommen kann, da ihm das Geld, das er dem Sohn gegeben hat, angerechnet wird. Sie wird einige Gesuche abfassen, um Unterstützung bei der Schuldentilgung zu finden. Aufgrund ihrer Erfahrung ist sie zuversichtlich, dass das klappt.

 

Peter Hugentobler schämt sich, dass es so weit gekommen ist. Er sagt: «Nie hätte ich gedacht, einmal Hilfe zu brauchen.» Dass ihm die Sozialarbeiterin versprochen hat, ihn in den nächsten Monaten zu begleiten, tut ihm gut. Wenn er mit ihr redet, fühlt er sich nicht mehr so verlassen. Der Alkohol verliert etwas an Bedeutung. Und er spürt, dass es für ihn doch noch einen Ausweg gibt.

 

Peter Hugentobler heisst in Wirklichkeit anders. Aber es gibt ihn. Menschen wie ihm begegne ich in meiner beruflichen Tätigkeit immer wieder. Sein Beispiel zeigt, was passieren kann, wenn man ungünstige Entscheidungen trifft (Übergabe der finanziellen Reserven an den Sohn) – und wenn man sich gehen lässt. Er hat zu lange gewartet, bis er Hilfe in Anspruch genommen hat. Sein Beispiel soll Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, den Anstoss geben, nicht zu lange zu warten, wenn Sie nicht mehr weiterwissen.

 

 

Martin Mezger (64) ist Theologe und Altersspezialist. Er ist Mitinhaber der focusALTER GmbH und leitet die Geschäfts- und Fachstelle der Hatt-Bucher-Stiftung.

 

Wo Sie in schwierigen Situationen Hilfe finden können
Ältere Menschen, die Unterstützung und Hilfe brauchen, können sich an Pro Senectute (die entsprechenden Adressen finden Sie vorne in dieser Zeitlupe), aber auch an die Kirchgemeinden, die Spitex oder an den Sozialdienst der Gemeinde wenden. Via Sozialberatung lassen sich zudem finanzielle Probleme lösen, sollten solche auftreten: beispielsweise mit Beiträgen von Pro Senectute oder der Hatt-Bucher-Stiftung.