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Von den Kindern «alles» erwarten?

Das rechte Mass finden: Das gilt auch im Alter. In einer fünfteiligen Serie beschäftigt sich der Altersexperte Martin Mezger mit dem «Knigge». Der Begriff ist mit einem Augenzwinkern gemeint: Nicht um neue Zwänge geht es, sondern um Tipps.

Symbolbild Altersknigge Teil 3

                              

 

So richtig einig waren sich Hanni und Willi Bachofen (Namen geändert) in Bezug auf ihre Kinder nie. Sie gingen der Uneinigkeit aber nie auf den Grund. Und eines Tages waren die Kinder flügge und suchten eigene Wege.

 

Nun aber ist das Thema wieder da, jetzt, da die beiden deutlich über achtzig sind. Hanni lebt noch in der eigenen Wohnung und kommt ganz gut zurecht. Nur die Knie wollen nicht mehr recht, sie hat Mühe mit Treppensteigen, Einkaufen ist zu einem Problem geworden. Willi ist schlechter dran. Seit einem ­halben Jahr lebt er im Altersheim. Er braucht Pflege, seit die Parkinsonkrankheit deutlich ausgebrochen ist. Zu Hause ging es einfach nicht mehr. Er gab sich alle Mühe, wollte eigenständig bleiben. Hanni hat mehr übernommen als früher, aber es wurde schnell deutlich, dass sie keine geborene Krankenschwester ist.

 

Hanni besucht Willi drei- bis viermal pro Woche im Heim. Da sitzen sie in der Cafeteria, trinken Kaffee, plaudern. Oder schweigen halt, ganz wie es so ist bei langjährigen Paaren. Und eben: Immer wieder sind die Kinder ein Thema. Die Kinder, die längst keine Kinder mehr sind: Sohn Hans ist Mitte fünfzig, verheiratet. Er hat selbst zwei erwachsene Kinder und ist sehr engagiert im Beruf. Tochter Elsbeth ist etwas jünger, sie ist seit Längerem geschieden, Kinder hat sie keine. Beruflich ist sie immer wieder im Ausland, häufig kommen Postkarten von irgendwo auf der Welt.

 

Wenn Hanni über die Kinder spricht, bezieht sie auch Sandra, die Frau von Hans, mit ein. Hanni klagt, dass sie die Jungen – wie sie ihre Kinder und die Schwiegertochter in solchen Momenten pauschal bezeichnet – viel zu wenig sehe. Dass sie doch erwarten dürfe, dass sie für sie einkaufen, mit ihr ausfahren am Sonntag, sie ins Restaurant einladen ...

 

Gestern, klagt sie Willi, gestern sei ihr beinahe die Decke auf den Kopf gefallen, aber niemand habe angerufen. Der Sohn würde vielleicht schon kommen, sei doch als Bub immer ihr Liebling gewesen, aber die Schwiegertochter … Dabei hätte diese Zeit, arbeite nur halbtags, habe mit dem Sohn eine gute Partie gemacht, könnte etwas Dankbarkeit zeigen. Und die Tochter sei halt immer mehr Vaters Liebling gewesen … So geht das, wenn Hanni in Fahrt kommt. Sie redet, klagt und ist überzeugt, dass sich die Jungen mehr um sie kümmern, sie besser verstehen müssten. Hanni sagt auch mal: Die Kinder haben so viel von mir bekommen – jetzt sind sie doch verpflichtet, für mich da zu sein.

 

Willi hört still zu, wenn Hanni redet. Er kennt seine Frau. Er weiss, dass Argumente nicht helfen. Manchmal schmunzelt er, manchmal macht er sich Sorgen. Er denkt: Was die Kinder betrifft, da sind wir uns schon früher nicht einig geworden. Willi sagt nicht, dass Sohn Hans und Tochter Elsbeth ihn gelegentlich anrufen – Elsbeth manchmal vom anderen Ende der Welt. Er sagt auch nicht, dass diese Anrufe seine Seele wärmen.

 

Von sich erzählt Willi seinen Kindern nur zurückhaltend. Aber er fragt sie, wie es ihnen gehe. Auf seine scheue Art lässt er sie spüren, dass er sie liebt. Und hie und da sagt er: Du machst das gut. Letzthin war gar Schwiegertochter Sandra bei ihm zu Besuch, nur kurz. Aber es war wie früher: Da war stets ein guter Draht. Diesen spürt Willi auch heute noch. Der Händedruck beim Abschied war beidseits von viel Herzlichkeit geprägt.

 

Und was sagen die Jungen, wenn man sie nach den Alten fragt? Nicht viel. Sie sind anständig, wollen die Eltern nicht gegeneinander ausspielen. Aber sie seufzen doch wahrnehmbar, wenn die Rede auf Mutter Hanni und ihre Ansprüche kommt. Das Wort «abgrenzen» fällt mehrfach. Die Jungen sind – alle auf ihre eigene Weise – gern bereit, der Mutter die Treue zu halten. Aber sie wissen auch: Mutters Wünsche sind ein Fass ohne Boden – wir können, wir müssen nicht umfassend für sie da sein. Und Vater Willi? Als sie Kinder waren, war er ihnen ein fürsorglicher Vater. Aber er war wenig da, musste für den Lebensunterhalt sorgen. Den stillen Mann, dem sie im Altersheim begegnen und der ihnen so wohlgesonnen ist, ihn lieben sie.

 

Und im «Knigge Alter» tragen wir ein: Wer von den Kindern (und andern Verwandten und Bekannten) im Alter zu viel erwartet, droht auch das nicht zu bekommen, was diese zu geben bereit wären.

 

 

 

Martin Mezger (64) ist Theologe und Altersspezialist. Er ist Mitinhaber der focusALTER GmbH und leitet die Geschäfts- und Fachstelle der Hatt-Bucher-Stiftung

 

Wo Sie Hilfe finden können:
Ältere Menschen, die Unterstützung und Hilfe brauchen, können sich an Pro Senectute (die entsprechenden Adressen finden Sie vorne in dieser Zeitlupe), aber auch an die Kirchgemeinden, die Spitex oder an den Sozialdienst der Gemeinde wenden. Via Sozialberatung lassen sich zudem finanzielle Probleme lösen, sollten solche auftreten: beispielsweise mit Beiträgen von Pro Senectute oder der Hatt-Bucher-Stiftung.