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Sie gehen mit Gott – aber ohne Autos und Handys

Im Norden Argentiniens leben 700 Mennoniten in einer Kolonie. Sie tun dies wie im 18. Jahrhundert, betreiben Ackerbau und Viehzucht und nutzen Pferdekutschen statt Autos. Der Dokumentarfilm «Ohne diese Welt» hat die Plattdeutsch und Spanisch sprechende Gemeinde besucht.

© Look Now

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Die Männer tragen Latzhosen, zugeknöpfte Hemden und Cowboyhüte. Die Frauen lange Röcke und hüftlange Haare, die sie mit aufwendig geknüpften Zöpfen kürzer erscheinen lassen. Wer in der Kolonie Durango im Norden Argentiniens ausgesetzt würde, hätte lange keine Ahnung, dass er sich im Jahr 2017 befindet. Auch im Dokumentarfilm «Ohne diese Welt» sind es oft nur Details, die verraten, dass wir uns nicht im 18. Jahrhundert befinden: die Ohrmarkierungen der Kühe etwa, eine Petflasche auf dem Esstisch, eine Sonnenbrille oder ein Rasentrimmer.


Mennoniten sind Menschen, die sich der Gewaltfreiheit und der Bibel verschrieben haben. Ihre Gemeinden werden der evangelischen Kirche und der historischen Freikirche zugeschrieben. Gemäss der Mennonitischen Weltkonferenz gibt es in 65 Ländern insgesamt rund 1,3 Millionen Mennoniten. Weil sie sich nichts vorschreiben lassen wollen, weder eine Wehrpflicht noch eine Schulpflicht für ihre Kinder, sind sie seit ihren Ursprüngen im 16. Jahrhundert immer wieder weiter- respektive umgezogen. Von Preussen aus nach Russland, später nach Kanada, dann nach Mexiko, bevor sich die Konservativsten unter ihnen in Südamerika niedergelassen haben. In Argentinien, Bolivien und Paraguay.


«Ohne diese Welt» zeigt den Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner von «Durango». Wie sie ihre Kinder unterrichten, gemeinsam zu Abend essen, Kühe von Hand melken, Schweine schlachten oder per Pferdekutsche einen riesigen Wassertank in der nächstgelegenen Stadt auffüllen lassen. Der Film nimmt das schleppenden Tempo ihres Alltags auf, was dazu führt, dass sich Zuschauende den Schluss – trotz der spannenden Einblicke – etwas erkämpfen müssen. Der 115-minütige Film hätte um eine halbe Stunde gekürzt eher gewonnen als verloren.


Faszinierend ist die Welt der Mennoniten jedoch alleweil. Zwischen den Szenen sprechen immer wieder – leider fast ausschliesslich männliche – Mennoniten in die Kameras. Sie heissen Bueckert, Klassen, Wiebe und Woelke und tun dies ruhig, fast emotionslos, manchmal wirken sie scheu. Die älteren unter ihnen vermitteln die Botschaft, dass hoffentlich alles so bleibe wie es ist, und dass ihre Kinder und Enkelkinder auch in Zukunft auf die verbotenen «Spieldinger» wie Radio, Fernsehen, Internet und Telefone verzichten. Sie vertreten den Glauben, dass man Gott vergisst, wenn man glücklich ist, und dass das Leben deshalb hart sein soll. Ohne Autos. Ohne Strom. Aber auch ohne Gewalt, doch so ganz genau nimmt man es offenbar nicht, wie eine Erziehungsmethode offenbart. Wer als Kind nicht gehorcht, bekommt «den Riemen», «Roim» auf Plattdeutsch, zu spüren. Scheidungen gibt es nicht, und das Verb für «heiraten» heisst in ihrer Sprache «sich befrien».


Die jungen Männer, die in die Kamera sprechen, können ihre Faszination für «die Welt», wie sie alles ausserhalb ihrer Kolonie nennen, allerdings nicht verbergen. Doch für ihre Eltern wäre es das Schlimmste, wenn sie die Kolonie zugunsten dieser Welt verlassen würden – und sich wie «Weltmenschen» zu benehmen beginnen. Und so zeigt die deutsche Regisseurin Nora Fingscheidt auf faire und bedachte Art einen faszinierenden Ort «voller Widersprüche, der mich zum Nachdenken gebracht hat», wie sie es selbst umschreibt. Den Film im Kino zu sehen lohnt sich insofern, weil er toll gefilmt ist und mit einem ausgeprägten Breitbildformat aufwartet, was bei Dokumentarfilmen selten ist.


«Ohne diese Welt», ab 13. Dezember im Kino. Mehr Infos: Opens external link in new windowlooknow.ch/index.asp