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Schulden tun weh

Schicksalsschläge wie Krankheit und Pflegebedürftigkeit, aber auch fehlendes Know-how im Umgang mit Geld können bei knappen Budgets rasch zu Schulden führen. Diese wieder loszuwerden, ist gerade im Alter schwierig.

Illustration Sparschwein

Von Annegret Honegger

 

 

rotes SparschweinBei Frau W. sind es die Steuern. Bei Herrn K. die Krankenkassenprämien. Das Ehepaar Z. ist mit der Miete und den Nebenkosten im Rückstand. Herr L. kann die dringend nötige Brille nicht bezahlen. Herrn P. fehlt das Geld für den Zahnarzt und die Raten für seinen neuen Fernseher. Bei Frau G. stapeln sich  die Mahnungen der Kreditkartenfirma. Immer mehr ältere Menschen in der Schweiz können ihre Rechnungen nicht bezahlen. Immer mehr Rentnerhaushalte haben Schulden.Und in keiner Altersgruppe steigt die Zahl der Konkurse so stark wie bei den über 60-Jährigen.Dass Schulden längst nicht mehr nur die Jungen betreffen, spüren auch die Organisationen, die Menschen mit finanziellen Problemen beraten.

Seit sie krank ist, kommt Frau B. kaum mehr nach mit dem Bezahlen all der Rechnungen, Prämien und Gebühren. Manchmal, wenn die Schmerzen zu gross sind, lässt sie die Briefe wochenlang einfach liegen. Die Ärzte und Therapien, die Zugfahrten zum Doktor und wieder zurück – all das kostet weit mehr, als sie hat. 

Bei Pro Senectute melden sich vermehrt Seniorinnen und Senioren, die ihre letzten Reserven aufgebraucht haben und nicht mehr wissen, womit sie die offenen Forderungen begleichen sollen.

 

Schulden haben ganz verschiedene Ursachen

Die Gründe, weshalb jemand Schulden hat, sind so verschieden wie die Lebensgeschichten der Betroffenen. «Wir erleben die ganze Palette von Unglücksfällen und Krankheiten über Pech und Leichtsinn bis zu Gedankenlosigkeit und Naivität», berichtet Martin Mezger. Schulden entstehen oft bei Leuten, die seit Längerem mit einem knappen Budget kämpfen. Manche starten ohne Reserven ins Rentenalter – etwa aufgrund eines tiefen Lohns, längerer Arbeitslosigkeit oder Invalidität, wegen eines allzu sorglosen Lebensstils oder weil sie ihr Pensionskassengeld in ein Haus oder ein eigenes Geschäft gesteckt haben. Hunderte von Gesuchen um finanzielle Hilfe, Tendenz steigend, bekommt auch die Hatt-Bucher-Stiftung, zu deren Stiftungszweck es gehört, die Not älterer Menschen zu lindern.

 Die Stiftung hilft oft ganz konkret, indem sie etwa die Rechnung für eine teure Zahnsanierung oder den nötig gewordenen Treppenlift übernimmt oder es jemandem ermöglicht, das geliebte Haustier zu behalten. «Früher wurden Geldprobleme meist innerhalb der Familie gelöst. Heute müssen vermehrt Dritte einspringen, weil ältere Menschen oft alleine leben und keine Angehörigen haben», erklärt Geschäftsführer Martin Mezger .«Bei vielen Klientinnen und Klienten sind die monatlichen Ausgaben höher als die Einnahmen, oder sie haben den Überblick über ihre Finanzen verloren», sagt Toni Räber, Leiter Sozialberatung bei Pro Senectute Kanton Luzern (siehe Interview).

Obwohl viele Menschen mit tiefem Einkommen eisern sparen, braucht es nur wenig, bis ihr labiles finanzielles Gleichgewicht kippt. Oft führen Schicksalsschläge wie Krankheiten oder Todesfälle zu Schulden. Nicht selten auch persönliche Fehlentscheide, wenn sich etwa jemand an der Börse verspekuliert, sein Geld in die falschen Hände legt, das Vermögen verfrüht den Nachkommen verschenkt oder sein Altersguthaben allzu grosszügig ausgibt. «Wenig Geld und ein falscher Entscheid sind oft eine fatale Kombination», weiss Martin Mezger.

 

Manchmal wachsen die Schulden schleichend, manchmal rutscht das Bankkonto schlagartig durch unerwartet hohe Ausgaben wie einen Spitalaufenthalt oder eine Heizkostenabrechnung nach einem strengen Winter ins Minus.

Das Ehepaar H. hätte eigentlich seit Längerem ein Recht auf Ergänzungsleistungen, aber aufs «Amt» und «Almosen» wollen sie auf keinen Fall. Der Staat hat schliesslich schon genug am Hals. Sie haben längere Zeit ausschliesslich von der AHV gelebt und sich über die Jahre zunehmend verschuldet. Als Herr H. einen Herzinfarkt und einen Hirnschlag erleidet, ist seine Frau mit seiner Pflege überfordert und bezahlt die Krankenkassen-rechnungen nicht mehr. Schliesslich verhängt die Kasse einen Leistungsstopp.

Wer nur schon jeden Monat zweihundert Franken mehr ausgibt, als er einnimmt, hat nach einigen Jahren einen ansehnlichen Schuldenberg. Bisweilen machen Altersschwäche und Demenz den Umgang mit Geld immer schwieriger, oder jemand ist nach dem Tod des Ehegatten damit überfordert, sich plötzlich selbst um die Finanzen kümmern zu müssen. «Gerade für Paare stellt eine Krankheit eine grosse Gefahr dar: Der gesunde Teil ist meist nicht nur mit der Pflege des Partners stark gefordert, sondern es geraten auch die Finanzen aus dem Lot», sagt Martin Mezger. Oft entstehen Schulden deshalb kurz vor dem Tod, wenn sich aufgrund einer Krankheit die Rechnungen türmen, die Steuererklärung liegen bleibt, die Krankenkassenprämien nicht bezahlt, die Arztrechnungen nicht zur Rückerstattung eingereicht werden.

 


Sparschwein Karin Negele

Wie schnell ein schmales Budget in die roten Zahlen kippen kann, beobachtet auch Jürg Gschwend. «Ressourcenschwäche spielt bei der Verschuldung von Rentnerinnen und Rentnern eine zentrale Rolle», erklärt der Leiter Schuldenberatung bei Caritas Schweiz. Ein tiefes Einkommen, Unterbrüche im Erwerbsleben, finanzielle Einschnitte nach einer Scheidung oder fehlende Beitragsjahre führen bei vielen zu Altersrenten, die zur Existenzsicherung nicht genügen. Anders als die Medien gerne berichten, steigt nicht nur die Anzahl der Pensionierten mit Millionen, sondern auch diejenige der älteren Frauen und Männer, die in prekären finanziellen Verhältnissen leben. «Mindestens 160’000 Menschen im AHV-Alter sind in unserem Land von Armut betroffen, 45’000 davon sogar trotz Ergänzungsleistungen», betont Jürg Gschwend. Menschen mit wenig finanziellem Spielraum hätten kaum die Möglichkeit, Geld fürs Alter auf die Seite zu legen, und deshalb ein besonders hohes Risiko, sich zu verschulden: «Eine Mietzinserhöhung, ungedeckte Krankheits-, Betreuungs- oder Pflegekosten führen da fast unweigerlich zu einer Schuldensituation.»

 

 

 

Die Pensionierung als Risikofaktor

Die Pensionierung bedeutet für viele Menschen, bis weit in den Mittelstand hinein, einen grossen finanziellen Einschnitt. Das Einkommen sinkt, und die Ausgaben können durch wachsende Ausgaben im Gesundheitsbereich deutlich ansteigen. Wer es verpasst, rechtzeitig vorzusorgen und seinen Lebensstil anzupassen, gerät schnell in finanzielle Engpässe. Im Alter zu verzichten und sich nicht mehr alles leisten zu können, fällt gerade dem an einen gewissen Wohlstand gewöhnten Mittelstand schwer. Schnell sind da ein paar Anschaffungen mit der Kreditkarte auf Pump gemacht oder das Konto überzogen für die schöne Wohnung, das Auto, Hobbys und Reisen.

Nicht wenige Früh- und Frischpensionierte lassen sich ihr Altersguthaben auszahlen und sind dann mit der grossen Geldmenge überfordert. Der plötzliche Geldsegen, kombiniert mit viel freier Zeit und eventuell ein bisschen Einsamkeit, verführt manche zum Leichtsinn oder zu kostspieligen Frustkäufen. Andere lassen sich zu riskanten Anlagen verleiten und verlieren alles an der Börse. Dritte unterstützen grosszügig ihre Kinder, bis ihnen einige Jahre später selbst das Geld fehlt.

 Wer seine Rechnungen nicht mehr zahlen kann, dem droht Pfändung eines Teils des Einkommens und Kürzung des allgemeinen Lebensbedarfs. Die Erfahrung vieler Pro-Senectute-Beratungsstellen zeigt, dass eine Pfändung bei Betroffenen eine eigentliche Schuldenspirale auslöst: Wird Geld zur Tilgung von Schulden einbehalten, fehlt dieses zur Begleichung laufender Rechnungen – die Betroffenen geraten weiter in Zahlungsrückstand und unter noch grösseren Druck. Jede Mahnung erinnert aufs Neue ans eigene Versagen. Das Bundesgesetz über Schuldbetreibung und Konkurs schützt zwar ältere Menschen besonders, indem AHV und Ergänzungsleistungen (EL) vom Zugriff der Gläubiger ausgeschlossen sind. Einkommen aus der zweiten Säule werden hingegen bis auf das betreibungsrechtliche Existenzminimum hinunter gepfändet, sodass eine verschuldete Person mit nur AHV und EL möglicherweise mehr Geld im Portemonnaie hat als jemand, der neben der AHV eine kleine Rente der Pensionskasse bezieht.

 

 Herr C. ist pensioniert und hat eine junge Lebenspartnerin, die er gerne ausführt und beschenkt. Obwohl er nur ein kleines Einkommen hat, will er auf Restaurantbesuche und auf ein schönes Auto keinesfalls verzichten. Die Unterstützungsbeiträge, die er seiner von ihm getrennt lebenden Ehefrau bezahlt, -schmälern sein Budget. Ergänzungsleistungen kann er nicht beziehen, weil er anlässlich seiner Pensionierung sein Vorsorgekapital bezogen und zur Deckung alter Schulden eingesetzt hat.

Ständig in Angst vor weiteren Rechnungen und vor Mahnungen zu leben, immer den Betreibungsbeamten und die Gläubiger zu fürchten, kann auf Dauer krank machen. Zu wissen, dass die Krankenkasse wegen unbezahlter Prämien nichts mehr übernimmt, dass man Steuerschulden hat oder bei Familie und Bekannten in der Kreide steht, schadet der Gesundheit. Die älteren Generationen, bei denen Schulden noch als Schande gelten, leiden besonders. Denn Schulden sind nicht nur ein Problem des Portemonnaies, sondern auch der Psyche. Wer verschuldet ist, verliert an Selbstachtung und Selbstbestimmung, muss etwa sein Häuschen verkaufen, in ein günstigeres Heim umziehen, lieb gewordene Hobbys oder das Haustier aufgeben. Betroffene schlafen schlecht, haben depressive Gedanken oder lassen sich gehen, weil es ja jetzt «auf ein paar Tausend Franken mehr Schulden auch nicht mehr ankommt». So dreht sich die Schuldenspirale noch schneller, die Finanzlage verschlimmert sich von Monat zu Monat.

 

 

 

Hilfe: Je früher, desto besser

Wer, wie viele im Alter, über ein tiefes Einkommen verfügt, kann kaum etwas sparen und abzahlen. Viele ältere Menschen leben deshalb mit dem Gedanken, ihre Schulden bis ans Lebensende nicht mehr loszuwerden. Eine berechtigte Sorge, wie der Blick in die Statistik der Privatkonkurse zeigt. Diese haben in keiner Altersgruppe so stark zugenommen wie bei den über 60-Jährigen, nämlich innert zehn Jahren um das Dreifache von gut tausend auf knapp dreitausend jährliche Fälle. Weit über neunzig Prozent davon betreffen sogenannte ausgeschlagene Verlassenschaften.

Konkret heisst das: Immer öfter sterben ältere Leute mit Schulden und dem belastenden Gefühl, ihren Kindern nichts als offene Rechnungen zu hinterlassen. Immer öfter müssen Kinder das verschuldete Erbe ihrer Eltern ausschlagen.Je früher eine sich drehende Schuldenspirale gebremst wird, desto besser für die Betroffenen, für ihr Umfeld und letztlich auch für die Gesellschaft. Doch Hilfe kommt oft erst spät. «Niederschwellige Beratungsangebote und rasche Unterstützung könnten Schulden in vielen Fällen verhindern oder eindämmen», ist Martin Mezgers Erfahrung mit Klientinnen und Klienten der Hatt-Bucher-Stiftung. Auch Toni Räber von Pro Senectute betont: «Solange sich die Schulden erst auf wenige Hundert oder Tausend Franken belaufen, findet sich mithilfe einer guten Beratung meist eine Lösung.» Eine Fachperson kann abklären, ob jemand zusätzliche Beiträge vom Staat oder der Gemeinde zugute hat, sucht den Dialog zwecks Einigung mit den Gläubigern, stellt Gesuche an Organisationen und Stiftungen wie Pro Senectute oder Hatt-Bucher. Diese können einen Teil der offenen Rechnungen übernehmen, wenn sich die Schuldner im Gegenzug verpflichten, Beratung und Begleitung anzunehmen, um ihre Finanzen wieder in den Griff zu bekommen.

 

gelbes SparschweinMartin Mezger rät: «Sprechen Sie mit einer Person Ihres Vertrauens oder einer Fachperson, bevor Sie einen Finanzentscheid von grosser Tragweite tätigen oder wenn Sie Ihre Rechnungen nicht bezahlen können – und zwar so rasch wie möglich!» Auch ein tragendes soziales Netz und die Einbindung in eine gute Nachbarschaft oder in die Gemeinde schützten vor finanziellen Fehlentscheiden, sagt Jürg Gschwend.

Das Ehepaar M. hütet an zwei Tagen pro Woche seine beiden Enkelinnen und freut sich, dass Tochter und Schwiegersohn ein Haus ganz in der Nähe kaufen können. Grosszügig greifen die Eltern den Jungen unter die Arme. Später wird Herr M. dement, Frau M. pflegt ihn während Jahren, bis auch sie zunehmend verwirrt wird. Erst als ein Heimeintritt ansteht, entdeckt die Tochter, dass ihre Eltern seit einigen Jahren kaum mehr Rechnungen zahlen.

Der Fachmann würde es begrüssen, wenn das Schuldenberatungs- und Informationsangebot für Seniorinnen und Senioren ausgebaut und auch spezifische Angebote für ältere Menschen mit Migrationshintergrund geschaffen würden. Diese haben häufig wenig Geld und sind deshalb besonders gefährdet, sich zu verschulden. Caritas und Pro Senectute betonen auch, wie wichtig neben der Bekämpfung der individuellen Schulden das Engagement für bessere Sozialleistungen für ältere Menschen ist, die nach einem langen Arbeitsleben mit wenig Mitteln dastehen. Angehörige, Freunde, Nachbarinnen, Hausärzte, Spitex-Mitarbeitende, Heim- und Kursleitungen sind aufgefordert, hinzuschauen, nachzufragen und Unterstützung anzubieten, falls es Hinweise auf finanzielle Schwierigkeiten gibt. Denn in Zukunft, da sind sich die Fachleute einig, werden Geldprobleme bei älteren Menschen wohl weiter zunehmen. Jürg Gschwend: «Auf den Schuldenberatungsstellen haben wir viele Klientinnen und Klienten im Alter zwischen dreissig und fünfzig in schwierigen Schuldensituationen, die in den nächsten Jahrzehnten pensioniert werden.