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Glücksbringer

Feuerwerk, Glocken und Böllerschüsse, alte Volksbräuche und ganz persönliche Rituale: Überall auf der Welt wird das neue Jahr begrüsst. Viele Millionen von Glückwünschen zum Jahreswechsel umrunden jeweils den Globus und Glücksbringer haben Hochkonjunktur.

Collage von verschiedenen Glücksbringern

 

 

Von Usch Vollenwyder
mit Bildern von Simone Vogel

 

Wenn eine Viertelstunde vor Mitternacht die Glocken des Berner Münsters das Altjahr ausläuten, strömen Tausende von Bernerinnen und Bernern, Touristen und Gäste mit Champagnerflaschen und Feuerwerk auf den Münsterplatz. Punkt 23.58 Uhr schweigt das Geläut, die Münsterbeleuchtung erlischt. Dann schlägt tief und bedächtig die mehr als sechshundert Jahre alte Burgerglocke die zwölf Mitternachtsschläge. «Sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins …» Die letzten Sekunden des alten Jahres werden mitgezählt. Und während der Münsterturm wieder erleuchtet wird und die Glocken das neue Jahr einläuten, feiern fröhliche Menschen den Jahreswechsel.

EinräpplerEinräppler
Glück in finanziellen Angelegenheiten verspricht der Einräppler: Hat man ihn im Portemonnaie, sollte der Geldsegen nie ganz ausgehen. Der Glücksrappen – in Deutschland der Glückspfennig oder heute der Glückscent – galt früher auch als kleine Ausgabe des Tauftalers oder des Weihgroschens: Der goldene Tauftaler sollte Segen bringen, der Weihgroschen wurde zum Schutz vor Hexen an die Stalltüre genagelt. Wurde der Rappen offen in der Hosentasche getragen, sollte er vor Betrug im Wirtshaus und beim Viehhandel bewahren.

Sie lassen Champagner- und Prosecco-Korken knallen, füllen ihre Gläser und stossen auf das neue Jahr an. Das mitgebrachte Feuerwerk zaubert farbige und goldene Lichtfontänen, Kugeln und Kometen an den dunklen Himmel. Küsse, Umarmungen und Glückwünsche werden ausgetauscht: «Es guets Nöis», «Happy New Year», «Prost» – der Ausdruck stammt aus dem lateinischen «prosit» und bedeutet «es möge gelingen» – «Proscht uf ds nöie Jahr». Erst seit wenigen Jahren und nicht zur Freude aller werden leere Flaschen auf dem Kopfsteinpflaster zerschlagen: Scherben bringen bekanntlich Glück.

 

Überall auf der Welt wird das neue Jahr mit Feuerwerk und ausgelassenen Partys gefeiert – ob am Times Square in New York, auf dem Roten Platz in Moskau, am Zürcher Seebecken oder an der Themse in London. Die grösste Party findet an der Copacabana in Brasilien statt, wo zwei Millionen Menschen mit Samba-Rhythmen das neue Jahr begrüssen. Und überall werden Glück und Segen, Gesundheit und Wohlergehen, ein langes Leben und ein guter Rutsch gewünscht. «Rutschen» meint ursprünglich nicht das Hinübergleiten ins neue Jahr, sondern geht auf das hebräische «Rosch» zurück und bedeutet «Anfang».

 

MarienkäferMarienkäfer
Glück brachte der Marienkäfer den Bauern, denn seit je wussten diese um seine Nützlichkeit: Das kleine Wesen vertilgt jeden Tag über hundert Blatt- und Schildläuse. Im Mittelalter weihte man ihn der Jungfrau Maria, war man doch überzeugt, dass er als Geschenk der Gottesmutter kam. Er gilt als ihr Lieblingstier und Himmelsbote – daher kommt auch sein Name. Der Marienkäfer soll ebenfalls Kinder schützen und Kranke heilen, wenn er ihnen zufliegt. Er darf deshalb nie abgeschüttelt oder gar getötet werden, denn das wiederum würde Unglück bringen.

Grussbotschaften fliegen per SMS und E-Mail, am Telefon und per Post hin und her. Glückssymbole auf Neujahrskarten oder als kleine Geschenke unterstreichen die guten Wünsche: Kaminfeger und Schoggi-Glückskäfer, golden verpackte Schokolade in Hufeisenform und rosa Marzipanschweinchen mit einem Einräppler oder einem vierblättrigen Kleeblatt im Maul haben zum Jahreswechsel Hochkonjunktur. «Die Menschen wollen das Glück an einem Gegenstand festmachen», sagt der Autor und Kenner des Schweizer Brauchtums Fritz von Gunten.

 

Glücksbringer und Glückssymbole gibt es in allen Kulturen und Traditionen: Fatimas Hand ist im arabischen Raum ein Symbol für Kraft und Glück. Sie schützt, meist als Schmuckstück um den Hals getragen, vor dem bösen Blick. Ähnliche Bedeutung kommt dem aus farbigem Glas hergestellten «blauen Auge» zu, das vor allem in der Türkei in allen Grössen und Ausführungen zu haben ist. In Japan versprechen winkende Porzellan-Katzen Glück und Wohlstand, auf Bali gelten Fledermäuse als Glücksbringer. Die tibetische Kultur kennt acht Glücksbringer – vom Schirm über die Muschel bis hin zum Endlosknoten.

 

GlücksschweinGlücksschwein
Glücklich war, wer ein oder mehrere Schweine besass, denn dank ihnen verfügte er über Reichtum, Wohlstand und genügend Nahrung. Für die germanischen Völker war der Eber ein heiliges Tier und Symbol für Fruchtbarkeit und Stärke. Bei mittelalterlichen Wettbewerben gab es für den Letzten oft ein Schwein als Trostpreis – auf dieses unverdiente Glück geht die Redensart «Schwein gehabt» zurück. Zum Neujahr sollte Schweinefleisch gegessen werden – und nicht etwa Geflügel, mit dem das Glück davonfliegen würde.

Der Glaube an Glücksbringer reicht bis weit in die Geschichte der Menschen zurück – als noch das magische Denken ihr Leben und Handeln bestimmte: Rituale und Symbole sollten das Böse abwenden und das Glück beschwören. Das Bedürfnis, dem Glück auf die Sprünge zu helfen, haben auch in der westlichen Welt viele Menschen: Sportler tragen zum Beispiel eine Glückssocke, oder Bühnenkünstler wünschen sich vor einem Auftritt «toi toi toi». Selbst die Nasa soll seit vierzig Jahren ein solches Ritual befolgen: Bei jedem Flug in den Weltraum macht eine Dose gesalzener Erdnüsse die Runde.

 

Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass etwa drei Viertel aller Befragten einen Glück bringenden Gegenstand besitzen oder ein bestimmtes Glücksritual pflegen. Das bestätigen auch einige Beispiele aus der Zeitlupe-Umfrage: So geht Alphons R. nur noch mit seiner Mütze mit dem Schriftzug «Soucis pour rien» aus dem Haus, einem Weihnachtsgeschenk seiner Schwiegertöchter. Hans E. trägt einen halben Batzen in seinem Portemonnaie. Er fand ihn in einer Schublade, als er nach dem Tod seines Vaters dessen Schreibtisch räumte. Und Ursula M. trägt seit Jahrzehnten ein silbernes Müschelchen um den Hals, das sie in jungen Jahren von ihrem damaligen Geliebten bekommen hatte.

 

HufeisenHufeisen
Zum Glücksbringer wurde das Hufeisen in verschiedenen Kulturen, weil es zum besonderen Schutz des wertvollen und hoch geachteten Pferdes diente. Dieses war vielerorts ein so kostbares Gut, dass es mit allen Mitteln gepflegt und geschützt wurde. Der Volksglaube will, dass ein Hufeisen nur dann wirklich Glück bringt, wenn es von einem Pferdefuss verloren ging und gefunden wurde. An einem Schiffsmast angebracht, sollte es eine sichere Überfahrt garantieren. Über einer Stall- oder Haustüre befestigt, sollte es Haus und Hof beschützen und bösen Geistern den Zugang verwehren.

 

Dass Glücksbringer tatsächlich nützen, bestätigt eine Studie aus dem Jahre 2011, die unter der Leitung der Psychologin Lysann Damisch an der Universität Köln durgeführt wurde. Über hundert Studenten hatten verschiedene Gedächtnis- und Geschicklichkeitstests zu erfüllen. Sie wurden gebeten, dabei ihren ganz persönlichen Talisman mitzunehmen. Der Hälfte von ihnen wurde er vor der Prüfung abgenommen; die anderen durften ihn behalten. Das Resultat: Die Studenten mit Glücksbringern schnitten wesentlich besser ab als die anderen.

 

Für das Forscherteam war klar: Wer an die Macht seines Glücksbringers glaubt, setzt sich unbewusst höhere Ziele. Die gestellten Aufgaben werden mit mehr Zuversicht und Selbstsicherheit angegangen; die Folge sind automatisch bessere Ergebnisse. Glücksbringer geben dem Träger die Überzeugung, aus eigener Kraft etwas bewirken zu können. Sie können bereits vorhandene Ressourcen in einem Menschen freisetzen und haben eine Art Placebo-Effekt: Wer daran glaubt, dass ihm sein Glücksbringer tatsächlich Glück bringt, hat mehr Erfolg.

 

SchornsteinfegerKaminfeger
Glück brachte schon vor Jahrhunderten der Kaminfeger, wenn er regelmässig und rechtzeitig ins Haus kam und den Schornstein fegte. Ein sauberer Rauchabzug war Voraussetzung für eine rauchfreie Küche, fürs Kochen und fürs Heizen. Verstopfte Kamine hingegen konnten einen Kaminbrand entfachen und in den engen Häuserzeilen der Städte auf andere Häuser übergreifen. Noch heute versuchen Leute, die «goldenen» Knöpfe an der Arbeitskleidung des Kaminfegers zu berühren und so symbolisch Glück zu tanken.

 

 

Glück und Segen

 

Nicht nur Glück, auch Segen wird oft ins neue Jahr mitgegeben. «Gottes Segen» ist ein Wunsch, den immer noch viele alte Menschen aussprechen. Während Fortuna, die Glücks- und Schicksalsgöttin aus der römischen Mythologie, ihre Gaben ohne Ansehen der Person verteilt und demnach für alles Willkürliche und Unberechenbare steht, verweist der Ausdruck «Segen» auf eine höhere Dimension: Menschen werden einer göttlichen Macht anvertraut. So geht zum Beispiel Xaver M. nie ohne ein kleines Fläschchen Weihwasser – gesegnetes Wasser – aus dem Haus. Ohnehin hing früher in fast allen katholischen Haushaltungen ein Weihwassergeschirr an der Wand. Heute sind es nur noch wenige, die sich mit dem gesegneten Wasser bekreuzigen, bevor sie aus dem Haus gehen.

 

Ebenso baumelte in den Autos vieler katholischer Fahrer der heilige Christophorus vom Rückspiegel: Mit seinem Segen sollten sie unfallfrei durch den Verkehr kommen. Gesegnet wurden aber auch Medaillons oder Kreuze: So hat Amanda L. auf der Innenseite ihres Rucksacks ein kleines Madonna-Medaillon befestigt, das sie von ihrer Mutter bekommen hat. Es soll sie auf Berg- und Klettertouren beschützen. Auf äussere Zeichen verzichtet Hedi H. Auch in schwierigen Zeiten vertraue sie ganz auf das Gebet. Es gebe ihr die nötige Kraft, ihren Weg im Alltag getrost weiterzugehen.

 

KleeblattVierblättriges Kleeblatt
Glück hat, wer ein vierblättriges Kleeblatt findet, denn in der Natur kommen diese Mutationen nur selten vor. Glück sollen sie aber nur bringen, wenn sie gefunden und nicht gesucht und wenn sie weitergeschenkt werden … Die Legende sagt, dass Eva bei ihrem Auszug aus dem Paradies ein vierblättriges Kleeblatt als Andenken mitnahm. Demnach trägt der Besitzer eines solchen Kleeblatts ebenfalls ein Stück Paradies mit sich. Bei den Kelten galt der Glücksklee als Schutzsymbol und als ein wirksames Mittel gegen böse Geister.

Den Segen fürs neue Jahr bringen zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag die Sternsinger ins Haus. Der Brauch des Sternsingens reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück; er wurde aber erst Ende der Achtzigerjahre schweizweit neu belebt: Als die Könige Caspar, Melchior und Balthasar verkleidet, gehen Kinder und Jugendliche von Haus zu Haus und sammeln singend Geld für benachteiligte Kinder in der ärmeren Welt.

 

Als Botschafter des Friedens bringen die Sternsinger mit Kreide über dem Türbalken der besuchten Häuser den traditionellen Segenswunsch an. Zwischen der Jahreszahl stehen die Buchstaben «C+M+B». Damit sind nicht in erster Linie die Vornamen der drei Könige gemeint, sondern die Abkürzung der lateinischen Worte «Christus mansionem benedicat»: Christus möge dieses Haus auch im neuen Jahr segnen – und die Menschen, die darin wohnen und durch die bezeichnete Tür ein- und ausgehen.

GlückspilzGlückspilz
Als Glückspilz ist der rote Fliegenpilz gemeint, dem wegen seiner halluzinogenen Wirkung besondere Kräfte zugesprochen wurden. Germanische Sagen weisen auf tiefe Verehrung hin. Wotan selbst, der höchste Gott der Germanen, soll ihn geschaffen haben – als er mit seinem Gefolge zur Wintersonnenwende durch die Wolken ritt. Überall dort, wo der Speichel seines Pferdes auf die Erde fiel, wuchs neun Monate später ein Fliegenpilz. In verschiedenen Naturreligionen galt der Fliegenpilz als Götterpilz, der langes Leben versprach. 

 

 

 

 

Experten-Interview: