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Die grosse Not mit der Wohnungssuche

Eine neue Mietwohnung suchen zu müssen, stellt die meisten Betroffenen vor eine grosse Herausforderung. Liegt bei älteren Menschen – die oft jahrzehntelang am gleichen Ort daheim waren – die Kündigung im Briefkasten, bricht für viele eine Welt zusammen. Plötzlich gilt es, nochmals ein Dach über dem Kopf zu finden und zu zügeln. Beides ist schwer – ganz besonders in der zweiten Lebenshälfte.

Umzugskartons in leerer Wohnung

Leere Wohnung mit Umzugskartons 

 

Von Annegret Honegger

 

Leben in der Stadt ist derzeit gefragt. Jung und Alt wollen von den Vorteilen der Zentren profitieren, und auch immer mehr gut verdienende Ausländer zieht es in die Schweizer Metropolen. Besonders in Zürich hat das Folgen für den Wohnungsmarkt. Dort herrschen schlechte Zeiten für Wohnungssuchende – vor allem wenn es schnell gehen muss, wenn sie wenig Geld und spezielle Ansprüche haben, bezüglich Quartier nicht flexibel oder nicht die Wunschmieter der Verwaltungen sind.

 

Vieles davon trifft auf ältere Menschen zu. Ein Grossteil von ihnen lebt in Häusern und Siedlungen aus den Dreissiger-, Vierziger- und Fünfzigerjahren. Mit ihnen sind auch die Immobilien in die Jahre gekommen, oft stehen eine Sanierung oder gar ein Abriss und Neubau an.

 

Albert Leiser, Direktor des Hauseigentümerverbandes Zürich, erklärt: «Kleine Zimmer, winzige Balkone, dunkle Räume und eine schlechte Isolation – solche Wohnungen genügen den steigenden Ansprüchen heutiger Mieter nicht mehr. Zudem steigen die Auflagen von Bund, Kantonen und Gemeinden betreffend Energieeffizienz kontinuierlich.» Viele Hauseigentümer nutzen die Gunst der Stunde, die gute Zinslage und die grosse Nachfrage, um ihre Häuser jetzt auf den neusten Stand zu bringen: «Ein Hauseigentümer muss seinen Besitz periodisch erneuern und nicht nur für die jetzigen Bewohner, sondern auch für nachfolgende Generationen pflegen.»

«Seit 51 Jahren lebe ich in meiner Zweizimmerwohnung – für 980 Franken pro Monat. Im vorletzten Herbst kam plötzlich die Kündigung. Aus jeweils zwei kleinen Wohnungen im Haus wird eine grosse gemacht. Die Jüngeren und die Ehepaare finden relativ rasch etwas Neues, eins ums andere verschwindet. Wir Älteren haben wenig Chancen. Wenn ich mich gegen Mittag per Telefon auf ein Zeitungsinserat melde, ist die Wohnung meist schon weg – jemand im Internet war schneller. Es gibt fast keine günstigen Zweizimmerwohnungen für Alleinstehende mehr. In eine Einzimmerwohnung will ich aber nicht, da müsste ich ja meine Möbel verkaufen. Rundherum sind vorübergehend junge Leute eingezogen, die eine ganz andere Vorstellung von Ordnung haben. Bald bin ich hier die Letzte der alten Garde, das macht mir Angst. Ich bin häufig krank und nehme Schlafmittel – das sei die Anspannung, meint mein Arzt. Das Warten und Suchen kostet mich viel Kraft.»  (Eva K., 81, Zürich) 

Eine Kündigung trifft die älteren Mieterinnen und Mieter schwer, die in diesen bescheidenen Häusern lange genügsam, aber zufrieden gelebt haben. Viele zogen hier ihre Kinder gross, sind nach deren Auszug und eventuell nach dem Tod des Partners geblieben und so im Lauf der Jahrzehnte fest mit Wohnung, Haus, Nachbarschaft und Quartier verwachsen. Zwar ist der Wohnstandard für heutige Verhältnisse moderat, aber ebenso sind es die Mieten. Eine moderne, kleinere Wohnung auf dem freien Markt ist meist einiges teurer.

 

Liegt die Kündigung im Briefkasten, bricht für viele eine Welt zusammen. Plötzlich gilt es, nochmals eine neue Bleibe zu finden und zu zügeln. Beides ist schwer, besonders im höheren Alter. Verwaltungen bevorzugen Mieterinnen oder Mieter, die möglichst lange bleiben, weil Wechsel Umtriebe und Kosten bescheren. «Suchen Sie sich eine Alterswohnung oder einen Platz im Altersheim», bekommen viele zu hören. Aber auch das ist nicht einfach und dauert lange.

 

 

Gang zur Schlichtungsbehörde


Walter Angst vom Mieterverband Kanton Zürich kennt die schwierige Situation, in die eine Kündigung viele ältere Menschen bringt: «Fast wöchentlich melden sich Leute bei uns, die ihr Dach über dem Kopf verlieren und völlig verzweifelt sind.» Wegen der Sanierungswelle, hoher Mietzinse und Wohnungsknappheit sowie des Staus bei den Alterseinrichtungen gerieten ältere Menschen zwischen Hammer und Amboss: «Werden in einem Quartier gleichzeitig mehrere Liegenschaften saniert, wird die Situation prekär.» Auch Genossenschaften, Pensionskassen und Versicherungen hätten grosse Immobilienbestände aus jener Zeit, bei denen eine Erneuerung anstehe oder mehr Rendite erzielt werden solle. Der Mieterverband verhandelt mit den Vermietern und versucht, Lösungen zu finden. Als Erstes empfiehlt er den Gang zur Schlichtungsbehörde, wo ältere Menschen wegen ihrer schlechten Karten auf dem Wohnungsmarkt meistens eine Mieterstreckung bekommen – wobei das Maximum von vier Jahren heute kaum mehr gewährt wird: «Aber immerhin gewinnt man so Zeit, und der Druck lässt etwas nach.

 

Auch der Hauseigentümervertreter hat Verständnis für die älteren Leute. Seine Empfehlung: Wer schon lange in einer Liegenschaft wohne, solle sich früh genug überlegen, ob das der richtige Ort zum Altwerden sei: «Viele profitieren gern und lang von den günstigen Mieten in alten Häusern. Dabei verdrängen sie, dass in einer solchen Immobilie eine Sanierung immer wahrscheinlicher wird.»

 


Rechtzeitig vorsorgen


Wann der richtige Moment zum Zügeln sei, müsse jeder und jede für sich entscheiden – «aber wer ihn verpasst, kann nicht erwarten, dass der Vermieter oder der Staat für ihn eine Lösung bereithalten». Ausserdem hätten etliche Ältere Vermögen angespart, als «Reserve für später» oder für die Nachkommen: «Jetzt ist der Moment, diese einzusetzen. Wem wohnen wichtig ist, der muss auch bereit sein, dafür zu zahlen.»

 

Der Mieterverband anerkennt den Erneuerungsbedarf, fordert aber auch ein Umdenken bei den Vermietern: «Hauseigentümer sollten sich von Beginn der Planung an überlegen, wer in ihrer Immobilie wohnt.» Liegenschaften dürften für Erneuerungs- und Renditeoptimierungszwecke nicht einfach leergekündigt werden, sondern müssten, wenn immer möglich, in bewohntem Zustand oder in Etappen saniert und den Bewohnenden Ersatzwohnungen zur Verfügung gestellt werden. Der Mieterverband schlägt auch vor, langjährigen Mietenden in fortgeschrittenem Alter mit wenig finanziellen Mitteln wieder eine Wohnung zu einem nur mässig erhöhten Preis anzubieten.

  

«In dieser Wohnung, in der ich seit 27 Jahren lebe, habe ich die glücklichste Zeit meines Lebens verbracht. Hier starb mein Mann, aber hier lebt er für mich weiter, hier fühle ich ihn immer noch. Seit letzten Herbst die Kündigung kam, bin ich oft krank und bereits achtmal gestürzt. Alle raten mir, einfach nicht ans Ausziehen zu denken, aber die Gedanken lassen mich nicht schlafen. Nachts putze ich stundenlang die Küchenschränke, das macht ja keinen Lärm. Bereits sehe ich all das Schöne in meiner Wohnung mit anderen Augen, als ob es das letzte Mal wäre. Uns Älteren hat man drei Jahre Erstreckung gewährt – mehr als erwartet, und dafür habe ich mich bei der Verwaltung bedankt. Den Lärm und Dreck einer Renovation hätte ich gern in Kauf genommen, wenn ich nur hätte bleiben können. Weggehen tut so weh. Jetzt hoffe ich, dass mein kleiner Hund und ich nochmals die Chance auf ein schönes «Wönigli» in dieser Gegend bekommen.»  (Maria W., 83, Zürich)

 

 

Walter Angst ist überzeugt: «Ein Hauseigentümer hat auch eine soziale Verantwortung. In Härtefällen kann er es verkraften, eine Sanierung noch einige Jahre zu verschieben oder bis zum nächsten Mieterwechsel nicht die volle Mietzinserhöhung zu verlangen.» Zudem sei es zwingend, über alle Schritte frühzeitig zu informieren: «Von der bevorstehenden Kündigung in der Zeitung zu lesen, ist nicht die feine Art.» Genossenschaften hätten viel Know-how, wie man eine Sanierung auch sozialverträglich gestalten könne, indem sie langfristig planten, sorgfältig informierten und Übergangslösungen anböten.

 

Albert Leiser betont, dass der Druck auf die Hauseigentümer stetig steigt: «Einerseits fordern der Staat und die Gesellschaft moderne Wohnungen und energieeffiziente Bauten – aber wenn man etwas verändern will, wehren sich die Mieter.» Die gleichen Bewohnerinnen und Bewohner, die keine Modernisierungen wünschten, beklagten sich wegen der hohen Heizkosten.

 

Zudem bringe eine Sanierung in bewohntem Zustand nicht nur Mehrkosten, sondern auch Probleme für die Mieter: «Gerade in einer kleinen Wohnung sind die Rückzugsmöglichkeiten beschränkt, wenn etwa Bad, Küche und Parkettboden erneuert werden.» Mit dem Bild der reichen Vermieter, die immer die maximale Rendite anstrebten, sei man heute schnell bei der Hand. Die Realität sehe anders aus: Die meisten der 70 000 Hauseigentümer, die sein Verband vertritt, hätten ein gutes Verhältnis zu ihren Mietern, suchten im Sanierungsfall nach tragfähigen Lösungen und gingen auch Kompromisse etwa beim Auszugstermin oder beim Mietzins ein.

 

«Die Freiheit, über sein Eigentum zu verfügen, ist wichtig: Beide Seiten sollen davon profitieren, dass 69 Prozent Private ihr Eigentum als Mietobjekte zur Verfügung stellen.» Sicher gebe es schlechte Beispiele von unsensiblen Vermietern: «Aber es gibt auch unzählige positive Fälle – nur liest man davon nie in der Zeitung.»

 

Dämpfend in der derzeitigen Lage wirkt sich aus, dass in Zürich laufend neue
(Alters-)Wohnungen gebaut werden und es so viele gemeinnützige Wohnungen gibt wie sonst nirgends in der Schweiz. Mehr als jede vierte Wohnung gehört Stadt oder Kanton, Genossenschaften, Vereinen und Stiftungen. Die Stadt will in den begehrteren Quartieren in Zukunft vermehrt Wohnungen bereitstellen. So soll es auch Leuten mit normalen oder kleinen Einkommen möglich sein, weiterhin in der Stadt zu wohnen. Denn wenn Ärmere weg- und Reichere nachziehen, wenn Alteingesessene sich ihr bisheriges Quartier nicht mehr leisten können, sei die gesunde Stadtentwicklung gefährdet, warnt Walter Angst: «Die soziale Durchmischung ist wichtig für den Zusammenhalt einer Stadt und einer Gesellschaft – und liegt somit im Interesse aller.»

 

 

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Experteninterview: