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Aus dem Vollen schöpfen

Wenn wir die Zeit und uns selbst vergessen, uns aber bis in die letzte Faser spüren – dann sind wir wahrscheinlich schöpferisch tätig, kreativ. Zu diesem befriedigenden und glücklichen Zustand führen viele Wege. Die Zeitlupe zeigt einige auf.

Kurt Freundstellt Modelle alter Landwirtschaftsmaschinen her.

Kreativität schafft Neues, erschafft Junges. Und darum ist Kreativität im Alter die beste Frischzellenkur, die es gibt. Grosse Künstlerinnen und Künstler – auch Lebenskünstler – sind uns stets wieder der leibhaftige Beweis, wie Kreativität am Leben erhält und die geistige Beweglichkeit bewahrt, selbst wenn der Körper nicht mehr so richtig mag. Auch Normalsterbliche können mit ihren Hobbys und Leidenschaften dem Alter mehr Leben hinzufügen.

 

100000 Franken zu gewinnen!

Die Stiftung Kreatives Alter schreibt alle zwei Jahre einen Kreativitäts-Wettbewerb aus. Es werden in der Regel 10 Preise à CHF 10'000.– und 20 Anerkennungsurkunden vergeben. Teilnahmeberechtigt sind Menschen ab 70 Jahren. Die Themenbereiche sind weit gefasst, schliessen jedoch bildende Kunst aus. Das 13. Preisausschreiben ist lanciert! Einsendeschluss ist der 31. März 2015. Infos und Anmeldeunterlagen unter:
www.stiftung-kreatives-alter.ch

 

Material, aus dem wir schöpfen können, gibt es zuhauf: unsere vielschichtige Lebenserfahrung! Kreativität reisst uns aus dem Stillstand und ist das «Mitteli» mit dem wohl höchsten Schutzfaktor gegen Altersdepression. Die Anlage zur Kreativität haben alle, die einen mehr, die andern weniger. Und das Schöne: Kreativität ist lernbar wie das Autofahren. Als Kinder waren wir von morgens bis abends kreativ – weil wir vor allem die linke Gehirnhälfte eingesetzt haben und noch nicht in verbrauchten Denkschablonen gefangen waren.

 

Hier sind ältere Menschen tatsächlich ein wenig im Nachteil: der Kindheit und ihrer verspielten Kreativität sind sie leider seit Jahrzehnten entwachsen. Die kindliche Leichtigkeit ist verflogen. Rührt vielleicht die Faszination von Grosseltern für ihre Enkelkinder daher? «Werdet wie die Kinder … und ihr werdet die Kreativität erlangen!» Dabei gilt es, viel von dem abzustreifen, was uns erwachsen gemacht hat.

 

In früheren Zeiten verstand man Kreativität so, dass sich der Mensch in einem Zustand befindet, wo er Gott nachahmt und ihm nacheifert. Gott schuf den Makrokosmos, die Menschen übten sich demütig im Mikrokosmos, falls sie zu den Glücklichen gehörten, die von den Musen geküsst worden waren.

 

 

Heute hingegen meint Kreativität eher den Versuch, aus sich selber heraus etwas zu schaffen. Dieser Wille und die Absicht, etwas Neues zu gestalten, dient der Selbstverständigung, sagt der Philosoph Helmut Bachmaier im Interview. «Das Werk wird zum Spiegel, in dem wir uns wahrnehmen und reflektieren.» Wer kreativ ist, lernt also viel Neues über sich und das Leben.

 

Wer tüftelt, bastelt, gestaltet, entwirft, komponiert, dichtet, experimentiert, singt, malt, etwas erzeugt  … der und die tut es natürlich meist ohne grosse psychologische und philosophische Hintergedanken. Man tut es einfach, weil man sich dabei gut fühlt, weil man eine tiefe Befriedigung erlebt. Grosse Werke für die Nachwelt müssen dabei nicht unbedingt entstehen.

 

Die Zeitlupe hat Menschen besucht, die sich ein Leben ohne Kreativität nicht mehr vorstellen können. Mit ihrem Tun und Wirken verändern sie die grosse Welt nicht, ihren persönlichen Kosmos hingegen sehr.

 

 

«Das Spiel jedes einzelnen Musikers inspiriert die Ausdrucksweise der anderen»

 Portraitbild der Senior Jazz Birds

Richard Zurbuchen (75), Hans Kaufmann (75),
Jacques Rohner (74), Toni Aebischer (64), Marcel Gerber (75)


Einst waren sie die Jazz Birds – die Jazz-Vögel –, heute nennen sie sich Senior Jazz Birds. Zum ersten Mal traten sie 1957 zusammen auf, anlässlich der 700-Jahr-Feier des kleinen Städtchens Wangen an der Aare. Die Teenager-Jazzband – die jungen Hobby-Musiker waren bereits miteinander zur Schule gegangen – entrümpelte für diesen Anlass einen Keller und richtete ihn als Theater- und Konzertlokal her. Sie spielte Dixieland, obwohl jede Art von Jazz damals von der Lehrerschaft abgelehnt wurde.

Für die Zeitlupe trafen sich die fünf Musiker im selben Keller wie damals, der in der Zwischenzeit als «Kellertheater Wangen» eine Institution für verschiedenste Künstlerinnen und Künstler geworden ist: Richard Zurbuchen, Piano, Hans Kaufmann, Posaune, Jacques Rohner, Trompete. Seit dem Tod des früheren Bassisten spielt Toni Aebischer den Bass, und als der ehemalige Schlagzeuger starb, übernahm Marcel Gerber dessen Part. Die fünf Herren – mit Ausnahme von Toni Aebischer sind heute alle über siebzig – spielen mit Begeisterung und Leidenschaft Miles Davis und Thelonious Monk, Charlie Parker oder George Gershwin.

Zwar trennten sich die Wege der jungen Jazz Birds in den Sechzigerjahren aus beruflichen und familiären Gründen. Doch jeder blieb dem Jazz treu und spielt bis heute in einer Band – in Winterthur, Burgdorf und Solothurn, im Freiburgischen und im Berner Oberland. Ein besonderer Genuss ist es für die fünf Musiker, wenn sie als Senior Jazz Birds für Anlässe engagiert werden: «Musizieren mit langjährigen Freunden ist einfach beglückend.» Einen ihrer letzten grossen Auftritte hatte die Senioren-Band anlässlich der 750-Jahr-Feier von Wangen an der Aare vor sieben Jahren.

Im Jazzclub Solothurn probten sie für diesen Anlass Standards aus dem Great American Songbook: «Days of Wine and Roses», «Blues in the Closet», «Love is Here to Stay» oder «Autumn Leaves – les feuilles mortes». Jazz mache es möglich, eigene musikalische Ideen in vorgegebenen Strukturen zu verfolgen, sagt Richard Zurbuchen: «Das Spiel jedes einzelnen Musikers beeinflusst und inspiriert die Ausdrucksweise der anderen.»

Kontaktadresse: Richard Zurbuchen, 3804 Habkern BE, Telefon 033 843 00 48, Mail rich.zurbuchenanti spam bot@bluewinanti spam bot.ch

 

«Ich habe Freude am Bauen – und Zeit»



Kurt Freund (73)


Ist es Zeitvertreib oder Hobby, wenn ein pensionierter Maschinenmechaniker täglich bis zu sechs Stunden lang Modelle alter Landwirtschaftsmaschinen in feinster Handarbeit herstellt? Kurt Freund meint schlicht: «Ich habe Freude am Bauen. Und als Pensionierter habe ich auch die Zeit dazu.» Sagts und verschwindet in seinem kreativen Reich, dem Hobbyraum des Hauses in Amriswil TG. Fein säuberlich sind an der Wand Schraubenzieher, Zwingen, und diverse andere Werkzeuge in verschiedenen Grössen verstaut, in einem Regal lagern 40 Millimeter dicke Eschenholzblätter und Metallteile.

Sieben verschiedene Modelle stellt der Thurgauer her: Winzerwagen, Heu­wagen, Sägewagen, Appenzeller Lediwagen, Langholzschlitten, Marktwagen und Drehpflug, alle im Massstab 1:10. Warum gerade Gefährte aus dem Bauernalltag? «Sie gefallen mir.» Als Vorlage dienen Fotos, die Kurt Freund von interessanten Fuhrwerken auf Bauernhöfen gemacht hat, und sein fotografisches Gedächtnis. Dieses erlaubt ihm, selbst kleinste Details wahrheitsgetreu nachzubauen.

Ausser den Zugpferden, die er von einem Holzschnitzer in Brienz produzieren lässt, macht er alles selbst. Das Pferdegeschirr und alle Teile fertigt er ohne Vorlagen oder Pläne aus Leder, Holz und Metall. Da braucht es viel Fingerspitzengefühl, bis alle Teile zusammenpassen. 300 bis 450 Arbeitsstunden benötigt der Perfektionist für einen Wagen inkl. Pferdegeschirr.

Das ausgefallene Hobby verdankt Kurt Freund seiner Frau Graziella. Sie ermunterte ihn einst, es mit einem derartigen historischen Miniaturmodell zu ver­suchen, nachdem er den Bau von fern­gesteuerten Segelbooten aus Platzgründen aufgeben musste. Gesagt, getan. Was ein leidenschaftlicher Modellbauer ist, der kann auch von zweieinhalb Metern auf wenige Zentimeter reduzieren, vom Wasser aufs Land wechseln.Opens external link in new window

www.freund-modellbau.ch

 

«Ich sehe überall schöne Bilder»

Ursula Müller beim Basteln

Ursula Müller (81)


«Die Idee stammt nicht von mir», gibt Ursula Müller unumwunden zu. Einzigartig sind ihre papierenen Kreationen dennoch. Die ehemalige Krankenschwester und fünffache Mutter sah zuerst bei einem Göttibuben, wie dieser mit einer Metallschablone Briefumschläge herstellte. Als sie später ihren inzwischen verheirateten Mann zur Kur ins Wallis begleitete, lieh sie sich diese Schablone aus und packte ein paar alte Kalender ein. Während ihr Partner nach dem Thermalbad ausruhte, zeichnete sie, schnitt aus, faltete und klebte und produzierte auf diese Weise spezielle Couverts für ihre geschriebenen Grüsse.

Was als praktischer Zeitvertreib begann, entwickelte sich zum kreativen Hobby. «Ich sehe überall schöne Bilder!» Der Eisenbahnzug auf einer malerischen Brücke für den kleinen Lokifan, das majestätische Alpenpanorama für den Bergfreund, der farbenfrohe Schmetterling für eine Liebhaberin raffinierter Muster: Mit ihren Sujet-Couverts erfreut Ursula Müller Verwandte und Bekannte. Ganz nebenbei betreibt sie aktives Recycling und lässt abgelaufene Kalenderblätter nochmals zu Ehren kommen. Es sei zwar aufwendiger, die rundum bedruckten Hochglanzumschläge für den Postversand zu beschriften, weil sie eine Adressetikette verwenden und die Marke mit Leim ankleben müsse. Das tut der Schaffensfreude der heute 77-Jährigen aber keinen Abbruch: Im Büro in ihrer Wohnung in Brugg gibt es einen ansehnlichen Vorrat an Couverts und neuerdings auch kleine Schachteln zum Verpacken von Süssigkeiten.

An Arbeitsmaterial mangelt es Ursula Müller nie, liefert doch die ganze grosse Familie ausrangierte Jahresplaner und Zeitschriften an. Selbst ihr Zahnarzt brachte schon Ende Jahr einen illustrierten Kalender vorbei, den sie zuvor im Wartezimmer bewundert hatte.