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«Es ist hart zu erleben, wie wir Alten nicht mehr erwünscht sind»

«Obwohl eine Weile ein Baugespann ausgesteckt war, kam die Kündigung wegen Totalsanierung aus heiterem Himmel für uns 70 Parteien. Einige wohnen hier, seit es das Haus gibt. Alle schätzten das schöne Verhältnis untereinander, ohne Streit. Drei meiner Nachbarn hatten für Notfälle meinen Wohnungsschlüssel. Dies sollte meine Alterswohnung sein: Das Haus ist schliesslich erst 30-jährig und hat sogar einen Lift. Hier im Kreis 4 bin ich aufgewachsen, jedes Haus ist mit Erinnerungen verbunden. Jetzt wollen sie aus dieser Gegend einen Top-Kreis machen und uns alte Bewohner vertreiben. Überall in Zürich reisst man Häuser ab, dabei braucht unsereiner doch auch ein Dach über dem Kopf. Anderswo wird saniert, und die Bewohner können bleiben – wieso wir nicht? Mit ein paar Tagen ohne Wasser oder dem WC im Hof könnte ich gut leben. Man kann doch von einem Stadtmenschen wie mir nicht verlangen, in meinem Alter an den Stadtrand zu ziehen.


Die Wohnungssuche und die vielen Absagen bringen mich fast zum Verzweifeln. Mehrmals bekam ich nicht einmal ein Anmeldeformular, als sie meinen Jahrgang sahen. Wenn man über achtzig ist, dann wollen einen alle nur noch ins Altersheim schicken. Es ist hart, erleben zu müssen, wie wir Alten nicht mehr erwünscht sind – während gleichzeitig immer mehr Pillen erfunden werden, damit wir noch älter werden. Manchmal sage ich abends zum Herrgott: Hol mich!


Die Schlichtungsstelle hat uns Erstreckung gewährt, mir als der Ältesten am längsten. Um mich herum sind jetzt lauter fremde Gesichter, viele Ausländer, die bis zum Umbau hier wohnen. Meine Rechtsanwältin wollte noch weiterkämpfen. Aber ich habe das Angebot des Bauherrn angenommen, während des Umbaus in ein anderes Haus zu ziehen und danach wieder zurück in meine alte Wohnung – der Vorschlag war für mich der letzte Strohhalm. Zweimal zu zügeln, wird hart werden – und wie ich die um 300 Franken höhere Miete bezahlen soll, weiss ich noch nicht.»


M.A., 85, Zürich