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«Von der Politik fühle ich mich total im Stich gelassen»

Silvia Rigoni ist Stellenleiterin der Beratungsstelle Wohnen im Alter der Stadt Zürich.*

 

Welchen Stellenwert hat die eigene Wohnung für ältere Personen?

Wohnen ist ein sehr zentrales Bedürfnis des Menschen, ähnlich grundlegend wie das Essen. Im Alter wird die Wohnung besonders wichtig: Pensionierte sind öfter daheim als früher und somit viel stärker auf Wohnung und Umfeld bezogen, gerade wenn sie nicht mehr so mobil sind.

 

Weshalb ist eine Kündigung für Ältere besonders schlimm?

Mit einem Wohnungswechsel geht für sie nicht nur die Wohnung, sondern meist auch ein ganzes Hilfsnetz verloren. Viele ältere und vor allem hochaltrige Menschen können noch allein in ihrer Wohnung leben, weil die Nachbarn kleine Handreichungen machen und merken, wenn die Post lange im Briefkasten liegen bleibt. Fällt diese Unterstützung weg, braucht es teure professionelle Kräfte, oder es kommt zu einem früheren Heimeintritt. Das widerspricht den Wünschen der Betroffenen und den Zielen der Gesellschaft, möglichst lange selbstständig zu bleiben.

 

Spüren Sie auf der Beratungsstelle Wohnen im Alter, wie hart die Zeiten für Ältere auf dem Zürcher Wohnungsmarkt sind?

Eindeutig. Die Lage hat sich in den letzten Jahren ständig verschärft und Anzeichen für eine Entspannung sehe ich kaum. Derzeit werden viele Häuser und insbesondere auch Genossenschaftssiedlungen erneuert, wo viele ältere Leute wohnen. Bei uns melden sich viele, weil ihnen gekündigt wurde oder eine Kündigung droht. Und die Zahl der Notfälle, die dringend eine Wohnung brauchen, steigt stetig und bringt uns an unsere Grenzen.

 

Welche Reaktionen auf eine Kündigung erleben Sie?

Wenn die Stadt nicht sofort eine neue Wohnung anbieten kann, schlägt uns viel Empörung und Enttäuschung entgegen. Aus Angst und dem Gefühl der Ausweglosigkeit heraus reagieren auch psychisch sonst stabile Menschen nicht mehr adäquat. Manche beginnen, überall Druck zu machen, und verlangen sofort eine Lösung. Andere stehen unter Schock, sind monatelang wie gelähmt. Drohungen mit Gewalt oder gar Suizid sind zwar zum Glück bisher Einzelfälle – aber früher kam das nicht vor.

 

Wie helfen Sie Betroffenen?

Kurzfristig können wir kaum Wohnungen vermitteln – auch wir haben lange Wartelisten, viele Alterssiedlungen und -heime müssen saniert, andere erst gebaut werden. So gilt es zuerst einmal, Zeit zu gewinnen, etwa durch eine Mieterstreckung. Unmittelbar von Obdachlosigkeit Bedrohten vermitteln wir sehr einfache Notwohnungen oder Zimmer in Institutionen. Je länger je mehr müssen Leute die Stadt verlassen, weil es hier einfach keine Lösung gibt. Am schlimmsten trifft es Menschen, die wenig Geld haben, auch jüngere. Aber im Alter ist es besonders schwierig, an einem neuen Ort nochmals von vorne zu beginnen.

 

Was tun und empfehlen Sie weiter?

Wir vermitteln auch Adressen von Organisationen, die Hilfe bieten – wie Freiwillige, die bei der Internetsuche helfen oder die Leute bei Behördengängen begleiten. Weil die meisten schliesslich über Beziehungen eine Wohnung finden, raten wir: Reden Sie über Ihre Situation, und zapfen Sie alle möglichen Quellen an.

 

Warum ist die Wohnungssuche im Alter so schwierig?

Die Älteren und insbesondere die über Achtzigjährigen gehören nicht zu den fittesten Mitspielern auf dem Markt. Heute werden die freien Wohnungen meist im Internet ausgeschrieben, auf das nicht alle Zugriff haben. Vielen steht seit der Pensionierung auch weniger Geld zur Verfügung. Wegen der stark gestiegenen Mietzinse hat man selbst mit Ergänzungsleistungen zur AHV ein Mietbudget, das in Zürich nicht weit reicht. Und schon das stundenlange Anstehen für eine Wohnungsbesichtigung ist für einige zu anstrengend. Vermieter und Verwaltungen fürchten auch Komplikationen mit älteren Mietern wegen Krankheiten und Gebrechlichkeit. Dabei kommt eine altersdurchmischte Bewohnerschaft allen zugute, indem die Pensionierten viel daheim sind und ein Haus so beleben.

 

Welchen Eindruck haben Sie von den Vermietern?

Neue Eigentümer und anonyme Verwaltungen haben keine Beziehung zu ihren Mietern und kündigen oft sehr kurzfristig. Langjährige Vermieter setzen sich mehr für ihre Mieter ein. Einige lassen sich dabei sogar von uns beraten. Gut und sensibel gehen die meisten Genossenschaften vor, die hier in Zürich wichtige Player auf dem Wohnungsmarkt sind. Sie bauen längst nicht mehr nur für Familien, sondern sorgen auch für ihre älteren Bewohnerinnen und Bewohner. Wer Mitglied einer Genossenschaft ist, findet dort meist auch ein Angebot fürs Wohnen im Alter.

 

Wie könnte man eine Notsituation wegen Kündigung vermeiden?

Wenn jemand gern und gut in seiner Wohnung wohnt, besteht kein Grund, etwas daran zu ändern. Schliesslich gibt es heute viele Unterstützungsangebote, die das Älterwerden in der eigenen Wohnung auch bei Gebrechlichkeit ermöglichen. Wir können und wollen nicht allen älteren Menschen eine Alterswohnung anbieten, sondern nur denjenigen, die sich bewusst für diese Wohnform entscheiden. Wer allerdings hört, dass im Haus eine Veränderung ansteht, etwa eine Sanierung oder eine Handänderung, der sollte schnell reagieren, sich informieren und bezüglich Alternativen beraten lassen.

 

 

*Die Beratungsstelle Wohnen im Alter berät in der Stadt Zürich wohnhafte ältere Menschen und ihre Angehörigen oder Bezugspersonen bei Wohn- und Betreuungsfragen. Die Fachstelle ist die zentrale Anmeldestelle für alle städtischen Alters- und Pflegeheime sowie Alterswohnungen. Ihre Dienstleistungen sind kostenlos. Unter anderem erhalten Wohnungssuchende ohne Internetzugang an zwei Nachmittagen Hilfe beim Umgang mit Immobilienplattformen im Netz.
Adresse: Stadt Zürich, Beratungsstelle Wohnen im Alter, Asylstrasse 130, 8032 Zürich, Telefon 044 412 11 22,
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