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Interview mit Toni Räber zum Thema Schulden

 

Toni Räber ist Bereichsleiter

Sozialarbeit bei Pro Senectute

Kanton Luzern und dort oft mit

der Schuldenproblematik

konfrontiert.

 

 

 

 

 

Herr Räber, wer kommt mit einer Schuldenproblematik auf die Pro-Senectute-Beratungsstelle? Viele unserer Klientinnen und Klienten beziehen Ergänzungsleistungen (EL). Sie haben nur sehr wenig Geld zur Verfügung, weshalb es rasch zu finanziellen Engpässen kommen kann. Viele suchen uns auf, wenn eine unerwartet hohe Ausgabe ansteht oder Mahnungen ins Haus flattern. Andere haben Schulden im Bereich Steuern, Krankenkasse, Ärzte, Miete oder Pflege. Oft stellen wir fest, dass die Übersicht über die Finanzen nicht gewährleistet ist und so die Schulden innert kurzer Zeit ansteigen.

 

Reichen AHV und EL also nicht zum Leben? Viele kommen mit den staatlichen Mindestleistungen gut zurecht, oft weil sie das Sparen ein Leben lang gewohnt sind. Doch der bei uns übliche Lebensstil ist damit nicht bezahlbar – das merken diejenigen, die ihr Geld verloren haben und plötzlich auf EL angewiesen sind. Ausflüge, das Abo einer Zeitung, die Teilnahme an einem Kurs – alles, was neben dem Nötigsten auch zum Leben gehört, liegt nicht drin. Ein akutes Problem sind die hohen Mietzinsen, weil die anrechenbaren Höchstsätze der EL seit über zehn Jahren nicht mehr angepasst wurden.

 

Welchen weiteren Schuldenfallen begegnen Sie? Manche haben plötzlich hohe Fahrkosten, weil es in ihrem Dorf keinen Laden, keine Post und keinen Bus mehr gibt. Andere reisen in der ungewohnt viel freien Zeit nach der Pensionierung herum oder legen sich kostspielige Hobbys zu. Wieder andere bestellen Dinge über Versandhäuser, auf Werbefahrten oder im Internet. Manche vertelefonieren Hunderte von Franken für Horoskope und Gewinnspiele oder lassen sich von dubiosen Verkäufern etwas gegen ihre Gebresten andrehen. Auch der Umzug in eine neue Wohnung bringt Kosten mit sich, und ein Auto ist teurer im Unterhalt, als die meisten denken. Wir beraten auch zunehmend Pensionierte, die ihr Pensionskassengeld zu früh verbraucht, es etwa in die berufliche Selbstständigkeit oder in ein Haus investiert oder an die Nachkommen verschenkt haben.

 

Welchen Einfluss hat der heutige Lebensstil? Vor hundert Jahren war ein Grossteil der Bevölkerung arm. Heute hört man ständig, jeder Rentner habe eine halbe Million auf dem Konto. Das Bild der «reichen Alten» übt einen grossen Druck auf Leute mit wenig Geld aus. Viele haben den Eindruck, alle anderen könnten sich alles leisten. Die Generationen, die jetzt ins Pensionsalter kommen, haben eine andere Einstellung zum Geld und zu Schulden, sie sind konsumgewohnt und risikofreudiger. Wir beraten vermehrt Leute, die Mühe haben, ihre Ansprüche der Realität anzupassen, und sich einen Lebensstil leisten, der ihre Möglichkeiten übersteigt.

 

Wie erleben Sie Menschen in Geldnot? Ich staune immer wieder, wie manche Menschen mit sehr wenig Geld zufrieden sind und andere mit viel mehr ständig hadern. Einige werden wütend, wenn wir nicht einfach alles für sie bezahlen. Andere haben Hemmungen, einen EL-Antrag zu stellen, weil sie den Staat nicht noch mehr belasten wollen. Was aber für alle gilt: Sorgen ums Geld sind grosse Sorgen, die oft krank machen. Wer immer am Rechnen ist und in ständiger Angst vor weiteren Ausgaben lebt, der leidet körperlich und seelisch. Es quält auch zu wissen, dass man seine Schulden eventuell nie mehr bezahlen kann.

 

Wie läuft eine Beratung ab? Zusammen mit den Betroffenen analysieren wir die Situation und klären ab, ob die Person Anspruch auf Unterstützung hat. Wir verhandeln mit Gemeinde, Arzt, Krankenkasse oder Vermieter wegen offener Rechnungen. Oft suchen wir eine günstigere Krankenkasse, kündigen eine Zusatzversicherung, schliessen ein billigeres Handyabo ab, rechnen aus, ob jemand auf sein Auto verzichten oder in eine kleinere Wohnung ziehen könnte. Sinnvoll sind auch Daueraufträge für die regelmässigen Ausgaben oder dass der Arzt direkt mit der Kasse abrechnet. Bei manchen geht es darum, das jahrelang Ersparte jetzt für sich selber zu brauchen, anstatt es den Kindern weiterzuvererben. Manchmal übernehmen wir die Kosten für eine einmalige Auslage, manchmal bezahlen wir eine regelmässige Leistung wie den Mahlzeiten- oder Fusspflegedienst. Die meisten sind froh zu wissen, wohin sie sich mit Geldsorgen wenden können; das gibt Sicherheit und verhindert Angst.

 

Können Sie immer helfen? Bei hohen Schulden ab etwa 5000 Franken ist eine vollständige Rückzahlung selten möglich, weil sich im Alter das Einkommen kaum mehr verändert. Dann streben wir eine Schuldenregulierung an, wobei keine neuen Schulden entstehen dürfen. Oberstes Ziel ist neben der Soforthilfe die Nachhaltigkeit. Wenn wir jemandem die Teilnahme an einem Mittagstisch ermöglichen, kostet das zwar mehr als das Kochen zu Hause, ermöglicht aber eine Tagesstruktur und soziale Kontakte. Oder wir steuern etwas an eine Kur nach einem Spitalaufenthalt bei, damit jemand voll erholt in die eigene Wohnung zurückkehren kann; oder wir bezahlen den Umzug in eine modernere Wohnung, wenn dafür ein Heimeintritt noch um einige Jahre hinausgeschoben werden kann.