Kontakt

Redaktion Zeitlupe
Schulhausstrasse 55
Postfach 2199
8027 Zürich

Tel. 044 283 89 13
Fax 044 283 89 10

infoanti spam bot@zeitlupeanti spam bot.ch

» Kontaktformular

» Adressänderung mitteilen

«Traditionen pflegen heisst Glut weitergeben»

Interview mit Fritz von Gunten, Kenner von Schweizer Bräuchen und Traditionen

 

 

Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr ist besonders reich an Volksbräuchen, Traditionen und Ritualen. Warum?

Die Tage sind kurz, die Nächte lang. Die Sonne verschwindet. Das machte den Menschen in früheren Zeiten Angst. Viel vom bis heute gelebten Brauchtum hat deshalb mit Licht und mit Lärm zu tun und reicht in die vorchristliche Zeit zurück: Das Licht soll die Nacht erhellen und die Sonne zurückbringen – der Weihnachtsbaum oder Laternenumzüge sind solche Symbole. Lärm vertreibt die bösen Geister, die sich in der Finsternis besonders vorwagen – davon zeugen Traditionen wie «Geisle chlepfe» oder auch die Umzüge von «Trychlergruppen» mit Schellen und Glocken.

 

Zum neuen Jahr haben Glückwünsche und Glückssymbole Hochkonjunktur. Warum geschieht dies gerade zum Neujahr?

Das neue Jahr bedeutet einen Neuanfang. Zu einem Neuanfang hat man sich seit je Glück und Gesundheit, Wohlergehen und ein langes Leben gewünscht – das ist keine ausschliesslich christliche Tradition. Von Albert Schweitzer, Arzt und Theologe, stammt das Zitat: «Glück ist das einzige, das sich verdoppelt – wenn man es teilt!» Da sich das Glück aber weder mit den Händen fassen noch verschenken lässt, musste man eine Form finden, um es bildlich darzustellen – ein Symbol zum Beispiel, einen Gegenstand.

 

Wie beispielsweise den Kaminfeger oder das Glücksschwein?

Nehmen wir den Kaminfeger: Er war in früheren Zeiten überlebenswichtig. Indem er den Kamin fegte, sorgte er dafür, dass die Menschen sicher und warm wohnen konnten: Dank ihm konnte im Haus kein Brand ausbrechen. Traditionellerweise brachte er am ersten Tag des neuen Jahres die Rechnung und überbrachte neben dieser Rechnung als Erster Glückwünsche zum neuen Jahr ins Haus. Er ist bis heute ein besonderer Neujahrs-Glücksbringer geblieben.

 

Welches ist Ihr persönliches Lieblings-Glückssymbol?

Ich stamme aus einer Bauernfamilie. Bis heute ist mir der traditionelle Wunsch geläufig, den man früher beim Betreten eines Stalls ausdrückte: «Glück i Stall.» Ich brauche ihn immer noch, wenn zum Beispiel jemand in eine neue Wohnung zieht oder etwa ein Geschäft eröffnet. Das häufigste Glückssymbol über den Ställen ist das Hufeisen. Je nachdem, wie es aufgehängt ist, wird es anders interpretiert: Hängt es mit der Öffnung nach unten, fällt das Glück über denjenigen, der über die Schwelle tritt. Hängt es dagegen umgekehrt, sammelt sich darin das Glück. Schliesslich kann die Öffnung auch nach rechts zeigen, dieses C weist dann auf Christus hin. Diese Bildsprache des Hufeisens ist für mich einfach faszinierend.

 

Glauben Sie selbst auch an solche Glücksbringer?

«Glaube macht selig», sagt der Volksmund. Da sind die Menschen wohl sehr unterschiedlich: Für die einen bedeutet es viel, so ein Glückssymbol bei sich zu haben. Es kann ihnen tatsächlich Kraft und Mut geben. Andere hingegen können damit nichts anfangen. Ich habe auf meinem Schreibtisch auch keinen glücksbringenden Gegenstand. Umgekehrt finde ich es aber wichtig, dass zum Beispiel auf Geburtstagskuchen gerade bei Kindern Glückskäferchen oder Glückspilze zu finden sind.

 

Warum?

Solche Symbole gehören zu unserer Kultur und unserem Brauchtum. Indem wir sie pflegen, geben wir sie unseren Kindern weiter. In anderen Kulturkreisen gibt es andere Symbole. Ich bin fest überzeugt: Je besser ich mein eigenes Brauchtum kenne, umso besser kann ich mich Fremdem und Andersartigem öffnen.

 

Welchen Stellenwert haben das Brauchtum und die alten Traditionen heute?

Ich stelle fest, dass sich wieder mehr junge Menschen den alten Bräuchen zuwenden. Dieses ist wichtig für die eigene Identifikation, die Pflege der Gesellschaft, den Zusammenhalt der Generationen und das Verständnis für andere Sprachregionen. Als Beispiel möchte ich den Seetaler Ort Hallwil erwähnen. Dort gehört die Pflege des reichen dörflichen Brauchtums sogar in den Schulunterricht.

 

Warum ist diese Pflege so wichtig?

Ich zitiere da gerne Konfuzius: «Tradition pflegen heisst nicht Asche aufbewahren; Tradition pflegen heisst Glut weitergeben.» Traditionen sollen nicht glorifiziert werden, aber sie geben eine Antwort auf Fragen wie: Wohin gehöre ich? In welchem Umfeld bin ich zu Hause? Ich möchte es gern wiederholen, weil es mir so wichtig ist: Respekt für die eigene Kultur fördert den Respekt für andere Kulturen.

 

 

 

Fritz von Gunten, ehemaliger Emmentaler Verkehrsdirektor und Initiant der Kulturmühle Lützelflüh, ist ein Kenner von Schweizer Bräuchen und Traditionen. Als Autor ist es ihm ein Anliegen, die bestehende Brauchtumsvielfalt hierzulande für die Nachwelt zu sichern. Sein Buch «O du fröhliche – Prosit Neujahr!» (erhältlich im Buchhandel oder direkt beim Autor) zeigt die Vielfalt von Brauchtumsanlässen während der Mittwinterzeit vom 1. Dezember bis zum 13. Januar.

Internetadresse: Opens external link in new windowwww.fritzvongunten.ch