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«Ältere Menschen haben meist mehr Mühe, über ihre Psyche zu sprechen»

Interview mit Marion Reichert Hutzli, leitende Ärztin Alterspsychiatrie und Memory Clinic in Sursee LU

 

Kommen Depressionen im Alter häufiger vor als in jüngeren Jahren? Depressionen sind in jedem Alterssegment häufig und gemäss Weltgesundheitsorganisation WHO im Zunehmen begriffen. In der Altersgruppe ab etwa 65 Jahren stellen Depressionen die häufigste psychische Erkrankung dar.

Unterscheiden sich Depressionen bei älteren Menschen in Diagnose und Behandlung von solchen jüngerer Personen?

Grundsätzlich verlaufen depressive Erkrankungen in jedem Alter ähnlich, auch die Behandlung erfolgt nach dem gleichen Prinzip. Im Alter stehen oft körperliche Symptome wie Schmerzen oder Übelkeit oder Probleme mit dem Gedächtnis im Vordergrund. Veränderungen der Stimmung und des Antriebs sind dagegen weniger stark ausgeprägt. Daher werden Depressionen bei älteren Patienten oft erst spät erkannt. Dies erschwert die Behandlung, weil sie dann vielfach schon chronisch geworden sind.

Warum lassen sich die Betroffenen nicht früher abklären?

Ältere Menschen haben meist mehr Mühe, über ihre psychische Befindlichkeit zu sprechen. Zudem sind die Anzeichen von Depressionen oft schlecht von denjenigen einer körper­lichen Erkrankung oder einer Demenz zu unterscheiden. Demenz wie Depression beeinträchtigen zum Beispiel beide das Gedächtnis. Deshalb kann es auch sein, dass die Ärzte zunächst in eine falsche Richtung behandeln.

An wen sollen sich Menschen mit Depressionsanzeichen wenden?

Sicher an den Hausarzt oder die Hausärztin. Diese kennen die Patienten über Jahre und geniessen in der Regel ein Vertrauensverhältnis. Kommt der Hausarzt wegen des Schweregrades der Erkrankung nicht weiter, kann er den Patienten oder die Patientin an einen Psychiater oder ein psychiatrisches Ambulatorium weiterleiten, wohin man sich übrigens auch direkt wenden kann.

Können Hausärzte überhaupt depressive Menschen behandeln?

Die Hausärztinnen und Hausärzte in der Schweiz verfügen meist über ein beachtliches Wissen, was Depressionen betrifft, und sind durchaus in der Lage, die Behandlung sicherzustellen. Diese sollte sich allerdings nicht nur auf die Abgabe von angstlösenden Medikamenten beschränken. In seltenen Fällen kann es vorkommen, dass ein Hausarzt die depressive Erkrankung seines langjährigen Patienten unterschätzt.

Besteht dieses Risiko auch bei den Angehörigen?

Ja, sicher. Auch erwachsene Kinder denken nicht in erster Linie an Depressionen, wenn die Mutter oder der Vater über Müdigkeit und Frustrationen klagt. Sie sollten bei solchen Äusserungen aber aufhorchen und sich die Probleme anhören. Falls nötig, sollten sie die Eltern zu einer Abklärung auffordern oder sie dorthin begleiten.

Sind gewisse Menschen besonders anfällig für Depressionen?

Neben der erblichen Veranlagung führen bestimmte Persönlichkeitszüge eher zu einer depressiven Erkrankung. Menschen, die sehr perfektionistisch und sehr genau sind und an sich wie an ihr Umfeld hohe Ansprüche stellen, sind stärker gefährdet. Einen grossen Einfluss haben auch die Lebensgeschichte, die Erfahrungen und die Lebenssituation.

Wie hoch ist die Erfolgsquote bei der Behandlung?

Zwei Drittel sprechen darauf an, schon kleine Veränderungen bewirken manchmal viel. Wichtig ist, dass ältere Menschen nicht meinen, im Alter müsse es einem ja ohnehin schlecht gehen. Eine Trauerphase nach einem Todesfall ist zum Beispiel richtig, aber wenn sie nicht mehr aufhört, dann wird es gefährlich. Deswegen sind Depressionen nicht normal und sollten unbedingt behandelt werden.